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Rezensionen
Hier präsentieren wir einige unserer Rezensionen, geordnet nach Autorennamen.
Mehr über unsere Arbeit in diesem Bereich erfahren Sie hier.

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Eli Zaretsky
Freuds Jahrhundert
Zsolnay

Dem Begründer der Psychoanalyse
Es ist die Geschichte der Psychoanalyse des 20. Jahrhunderts, die hier erzählt und vor allem kommentiert wird. Und die der überragenden Rolle, die der Wiener Nerven- und Seelenarzt Sigmund Freud (1856-1939) bei der Entwicklung der Theorie des Ichs und der Traumdeutung zu seiner Zeit und für nachfolgende Generationen gespielt hat.
Freuds Bedeutung liegt in der zentralen Rolle, die er seelischen Vorgängen zuschrieb, sowie in der Einbeziehung des Unbewussten in die Forschung. Die Psychoanalyse untersucht die intimsten und verborgensten Regungen des Menschen, aber sie erklärt auch Ursprung und Funktion von Kultur und Religion. Und sie steht für die Entkoppelung von Sexualität und Fortpflanzung. Daher stieß sie zu Beginn des vorigen Jahrhunderts auf Interesse und Zustimmung bei vielen Homosexuellen und Frauen, obwohl das Bild Freuds vom anderen Geschlecht in vielerlei Hinsicht rückständig war.
Der Autor Eli Zaretsky, der in New York lehrt und auf Sozial- und Wissenschaftsgeschichte spezialisiert ist, verfolgt die Entwicklung der Psychoanalyse von ihren Ursprüngen an und begleitet Protagonisten wie Adler und Lacan. Zu ihrer besten Zeit integrierte die Psychoanalyse drei Projekte: eine therapeutische ärztliche Praxis, eine Theorie der kulturellen Deutung (Hermeneutik) und eine Ethik der Selbsterfahrung, die von der Hingabe an eine Berufung durchdrungen war.
Ihre Ideen gingen in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts in neue kulturelle Entwürfe wie Identitätspolitik, Kulturkritik und in die zweite Welle des Feminismus ein. Die Psychoanalyse hat überlebt, aber sie hat, so folgert der Verfasser, an Ausstrahlung und Anziehungskraft verloren. Das Zeitalter Freuds ist zu Ende. Aber wie alle großen Aufbrüche wirkt die Psychoanalyse weiterhin auf das tägliche Leben, "auf die Landschaft von Intuitionen, Träumen und schattenhaften Erinnerungen, die wir alle bewohnen".
Zaretsky ist ein sorgsamer, sorgfältiger und zugleich kritischer Chronist und Begleiter eines spannenden, durch zwei Kriege gekennzeichneten Zeitabschnitts. Für den Verfasser ist die Psychoanalyse "ein Produkt der deutschen Kultur des 19. Jahrhunderts" und zugleich "ein Produkt der deutschsprachigen jüdischen Kultur".

© Hans Jürgensen, Literaturtest
im Auftrag von Buchkatalog.de