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Rezensionen
Hier präsentieren wir einige unserer Rezensionen, geordnet nach Autorennamen.
Mehr über unsere Arbeit in diesem Bereich erfahren Sie hier.

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John Irving
Bis ich dich finde
Diogenes

Alles über meinen Vater
Irving-Fans können aufatmen: Endlich liegt sein neuestes Werk vor! Dann sollten sie aber tief Luft holen, denn auf 1.140 (!) Seiten treffen sie auf unzählige Typen und Schicksale und werden zu den unterschiedlichsten Schauplätzen geführt: ins Tätowierermilieu, in Rotlichtviertel, in die Ringerszene oder in die Filmbranche.
Irving gelingt es wieder einmal meisterlich, die agierenden Personen vor dem Auge des Lesers erstehen zu lassen: schrille und skurrile Typen, tragikomische Figuren, liebenswerte und abstoßende Menschen, Täter und Opfer; alles reichlich garniert mit Sex, da war und ist Irving nicht zimperlich. Er lässt auch eigene Erlebnisse einfließen wie die Suche nach dem verschwundenen Vater, sexuellen Missbrauch und die Oscar-Verleihung.
Der Leser wird zum Begleiter der Hauptfigur Jack Burns - ein "verdrehter" Typ, wie seine Freundinnen später sagen werden. Mit seiner Mutter Alice durchstreift der kleine Kanadier im Alter von 4 Jahren die nordeuropäischen Hafenstädte auf der Suche nach seinem verschwundenen Vater William, der die Mutter kurz nach der Geburt des Sohnes verlassen hatte. Sie finden ihn nicht, aber durch die Erzählungen der Mutter entsteht ein Zerrbild des Vaters: ein schöner Mann und begnadeter Orgelspieler, ein "Tintensüchtiger" (von Kopf bis Fuß tätowiert) und ein rücksichtsloser Frauenheld, der überall für Chaos sorgt.
Mit diesem Vaterbild belastet, verbringt Jack seine Kindheits- und Jugendjahre in Kanada. Bei den Frauen in seiner Umgebung weckt der hübsche Junge Beschützerinstinkte, aber auch sexuelle Begierden. Die ältere Mitschülerin Emma nennt ihn "Zuckerbär", klärt ihn über die Geheimnisse des Lebens auf und nimmt ihn unter ihre Fittiche. Sie befreit ihn auch von der hemmungslosen Mrs. Machado, die den Zehnjährigen sexuell missbraucht. Während ihr Verhältnis "fast platonisch" bleibt, ebnet Emma ihrem Freund den Weg zum Film, wo er als Transvestitenstar berühmt wird, und begleitet ihn bis zur Oscar-Verleihung. In den Jahren des beruflichen Erfolgs verdrängt Jack den Gedanken an den Vater und macht sich erst nach dem Tod der Mutter wieder auf Spurensuche. Langsam versteht er, dass alles anders ist, als es scheint. Aber er hat noch einen beschwerlichen Weg zu gehen, bevor er seiner Therapeutin sagen kann: "Danke, dass Sie mir zugehört haben."

© Carsten Hansen, Literaturtest