 |
 |
 |
 |
 |
 |
Günter Gaus
Widersprüche
Propyläen
Scharf beobachtet
Bei einem Essen in Baden-Baden warnte Henry Kissinger seinen Interview- und Gesprächspartner Gaus davor, jemals von Richard Nixon einen Gebrauchtwagen zu kaufen. Er sei sogar dafür zu dumm. Nixon wurde bald darauf (1969) US-Präsident, Kissinger sein Sicherheitsberater, später gar Außenminister. So ist das in der Politik, will uns der ausgebuffte Gaus damit sagen. Nixon musste 1974 wegen der Watergate-Affäre zurücktreten, um einer Amtsenthebung zuvorzukommen. Auch von einem gemeinsamen Gebet, Nixon/Kissinger knieten nieder, kam weder himmlische noch irdische Hilfe.
Gaus kann scharf denken und analysieren, glänzend schreiben und hat ein unglaubliches Gedächtnis. Da taucht dann vor des Lesers Auge Konrad Adenauer auf, der, fast 90 Jahre, beim Interview kurz einschläft, was fairerweise damals (heute auch?) aus dem Film geschnitten wurde. Man erlebt den Schweden-Urlaub der Familien Wehner/Gaus mit, keine Freundschaft von Dauer, wie auch die mit Günter Grass erlosch.
Viele Bekanntschaften und Freundschaften halten dagegen über Jahrzehnte. Wer mehr über bundesdeutsche Politiker, über starke und schwache, über wichtige Strippenzieher und unwichtige Schaumschläger erfahren will, oder wer gern wüsste, wie es in meinungsbildenden Redaktionen zugeht, muss dieses Buch lesen.
Günter Gaus ging im Jahr der Watergate-Affäre in die DDR. Kanzler Willy Brandt hatte den Chefredakteur des "Spiegel" von Hamburg nach Ostberlin gelotst. Über diese für ihn wohl wichtigste Zeit als Staatsdiener, wie er sich selbst nennt, konnte Gaus leider nicht mehr schreiben. Er starb im Mai 2004 an Kehlkopfkrebs. Gaus bezeichnet sich als linken Konservativen (Kohl nennt er einen rechten Konservativen), aber er war vor allem Demokrat, Humanist und ein glänzender Journalist, der die deutsche Sprache beherrschte und pflegte.
© Hans Jürgensen, Literaturtest
|
 |
 |