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Interviews
Hier präsentieren wir einige unserer Interviews, geordnet nach den Anfangsbuchstaben der Autoren.
Mehr über unsere Arbeit in diesem Bereich erfahren Sie hier.

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Dr. Michael Winterhoff
Tyrannen müssen nicht sein
Gütersloher Verlagshaus

Interview mit Dr. Michael Winterhoff

Gemessen am Medienecho und dem Verkaufserfolg Ihrer Bücher haben Sie einen Nerv getroffen. Was hat Sie dazu bewogen, diese Bücher zu verfassen?
Ich bin seit 25 Jahren als Kinderpsychiater tätig. Seit 15 Jahren nimmt die Anzahl verhaltensauffälliger Kinder erheblich zu. Neu an meiner Analyse ist, dass ich bei den meisten dieser Kinder ein psychisches Reifedefizit und nicht fehlende Erziehung als Ursache für die Auffälligkeit feststellen konnte. Auf der Grundlage dieser Analyse kann man den Kindern gezielter helfen: sowohl im häuslichen Umfeld, als auch im Kindergarten und in der Grundschule. Als Arzt fühlte ich mich aufgerufen, diese Analyse der Gesellschaft zugänglich zu machen.

Zentraler Aspekt Ihrer Diagnose ist die Reife des Kindes. Was hat sich - nach Ihrer Erfahrung als Kinder- und Jugendpsychiater - hier in den letzten Jahren verändert?
Immer mehr Kinder weisen heute den Reifegrad eines Kleinkindes auf. Sie sind nicht in der Lage, sich auf das Gegenüber einzustellen, sondern sie richten permanent den Erwachsenen auf sich aus. Sie sind daher nicht ihrem tatsächlichen Alter entsprechend lern- und leistungsbereit und zeigen erhebliche Schwierigkeiten im Sozialverhalten. Die meisten dieser Kinder sind respektlos, ein Verhalten, das bis zum Alter von 2 1/2 Jahren normal wäre und demnach problematisch ist.

Sie beschreiben verschiedene Beziehungsstörungen zwischen Eltern und Kindern. Mit welcher sind Sie in Ihrer Praxis am häufigsten konfrontiert?
Zum einen gibt es da die Partnerschaftlichkeit: Bei dieser Störung kommt es zu der Vorstellung, das Kind über Vernunft zu erziehen. Dann haben wir die Projektion: Der Erwachsene möchte vom Kind geliebt werden und macht sich daher abhängig, es kommt zu einer Machtumkehr. Schließlich gibt es die Symbiose: Hier wird das Kind als Teil des Erwachsenen erlebt, d. h. der Erwachsene verschmilzt unbewusst mit der Psyche des Kindes. Daraus resultieren viele Machtkämpfe und Fehlverhalten dem Kind gegenüber. Das Kind erlebt den Erwachsenen nicht mehr als Gegenüber und hat damit nicht mehr die für eine psychische Reifeentwicklung notwendige Orientierung.
Die Partnerschaftlichkeit mit kleinen Kindern entstand Anfang der 1990er-Jahre, die Projektion Mitte der 1990er-Jahre und die Symbiose sehe ich seit 2002. Heute begegnet mir maßgeblich die Symbiose. Viele Eltern weisen Anteile aller drei (ihnen unbewussten) Beziehungsstörungen auf.

Welche Reaktionen bekamen Sie bislang auf Ihre beiden Bücher - von Eltern, Erziehern und der Fachwelt?
Täglich erreichen mich Briefe von Eltern und Fachleuten, die meine Analyse bestätigen und sich bedanken. Vor allem fühlen sich Lehrer in ihrer Beobachtung bestätigt und haben jetzt eine schlüssige Erklärung.

"Tyrannen müssen nicht sein" soll Auswege aus der aktuellen Misere aufzeigen. Wer ist hier zum Handeln aufgerufen?
Es sind alle Erwachsenen aufgerufen zu überprüfen, ob sie sich unbewusst in einer der beschriebenen Beziehungsstörungen befinden.

© Henrik Flor, Literaturtest
im Auftrag von Weltbild