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Martin Walser
Angstblüte
Rowohlt
 
Interview mit Martin Walser
Verrat und Konkurrenz scheinen die Mitglieder der ehrenwerten Münchner Gesellschaft umzutreiben, sei es nun der Kunsthändler Diego, die sprühende Joni oder der Finanzjongleur Amadeus - ein Strudel, in den auch Karl von Kahn, die Hauptperson, gerät. Was hat dieses Milieu für Sie so interessant gemacht?
Ursprünglich war es mein schon immer vorhandenes Interesse für den Wirtschaftsteil der Zeitung, der für mich immer genauso wichtig war wie das Feuilleton. In einem früheren Roman war der Mann meiner Heldin ein bedeutender Wirtschaftsanwalt in Düsseldorf. Jetzt habe ich einfach gedacht: Ich will einen Wirtschaftsmann zur Hauptperson machen und sehen, ob ich das hinkriege. Je mehr ich mich in diese Welt eingearbeitet habe, desto mehr fühlte ich mich darin bestätigt, dass ein grundlegender Wandel stattgefunden hat: Grob gesagt, spart man heute nicht mehr, sondern man legt an. Der Börsenbericht wird so wichtig wie der Wetterbericht. Der wichtigste Grund, warum ich bei dieser Branche gelandet bin, ist aber, dass Karl von Kahn ein zentrales Bedürfnis nach Unabhängigkeit hat, nicht abhängig sein will von der Zustimmung anderer. Er sagt: So, wie die Menschen sind, kann man nichts anderes machen, als unabhängig von ihnen zu sein. Unabhängig wird man durch Geld. Ich habe einmal einen Roman über die Deformation durch Abhängigkeit geschrieben, über einen Chauffeur, der völlig abhängig von seinem Chef ist. Jetzt habe ich das Gegenteil gemacht und einen Unabhängigkeitsvirtuosen in den Mittelpunkt gestellt. Allerdings gerät er dann in Abhängigkeit von einer Frau, so dass seine gloriose Unabhängigkeit nicht mehr viel wert ist.
Gunter Sachs wurde einmal porträtiert als eine für seine Generation paradigmatische Unternehmerfigur. Das elterliche Unternehmen hat er verkauft und ist zum modernen internationalen Investor geworden, der sein Geld vermehrt und eine gewissen Kunstsinnigkeit an den Tag legt. Steht das Milieu von Angstblüte auch für diesen grundlegenden Wandel unserer (Wirtschafts-)Welt?
Ich muss sagen, an Gunter Sachs habe ich nicht gedacht (lacht). Das Vorbild meines Wirtschaftsmenschen ist Warren Buffett, der gerade Milliarden an die Stiftung von Bill Gates gegeben hat. Von diesem "Zurückgeben" habe ich sehr gerne gelesen. Dies ist ein neuer Blick auf das Wirtschaften -- und jetzt predige ich das Evangelium von Karl von Kahn. Es gibt hier eine andere Form der Unabhängigkeit, eine Unabhängigkeit durchs Geldvermehren -- ungewöhnlich für einen deutschen Romanhelden, von dem man meist gar nicht erfährt, wovon er lebt. Jetzt habe ich eben einen Geldmenschen ....
Sie haben die Angstblüte als titelgebendes Motiv gewählt. Ein ebenso schönes wie tragisches Bild. Bevor ein Baum stirbt, schlägt er noch einmal aus, blüht auf. Ein morbides Schauspiel, das aber letztlich dem Fortbestand der Art dient. Nichts anderes scheint der Held Ihres Romans zu tun. Er erliegt den Reizen der Frauen, arbeitet besessen. Ist im Kern dieser Phase schon das Scheitern angelegt?
(Lacht) Herr Flor, Sie haben einen so schönen Namen, der passt hervorragend zu Angstblüte! Ein Motto von Karl von Kahn ist "Untergehen kann ich mir nicht leisten." Bei ihm gibt es keine Angstlähmung, sondern Angstblüte. Und genau das erzähle ich in verschiedenen Brechungen und Motiven. Es ist eine meiner Lieblingsvorstellungen geworden, dass es so sein könnte.
Im Gegensatz zu den Anselm-Kristlein-Romanen haben Sie auf einen Ich-Erzähler verzichtet. Wollten Sie Distanz zu diesem Protagonisten?
Ja, das ist sehr richtig. Das habe ich dieses Mal noch mehr gebraucht als je zuvor, glaube ich. Ich weiß nicht warum. Ich hatte das Gefühl, ich durfte dem Karl von Kahn nicht zu nahe kommen, musste eine Beobachtungsdistanz einhalten. So etwas entwickelt sich, wenn der Stoff sich bildet. Instinktiv bekommt der Erzähler ein Verhältnis zur Hauptfigur und spürt: Näher darfst Du nicht kommen, weiter darfst du dich nicht entfernen. Das versucht man dann durchzuhalten. Man darf nicht zu deutlich werden lassen, dass man seine Figuren liebt.
Erzählt wird auch die Geschichte eines Polizeireporters, der zu offen über Ausländerkriminalität schreibt und in die rechte Ecke geschoben wird. Diese Form pauschaler Verurteilung haben auch Sie mehr als einmal erlebt. Ist diese Figur ein Produkt dieser Erfahrung, eine autobiografische Reflexion innerhalb des Romans?
Das erste Bedürfnis war, Joni einen Vater zu geben. Ich wollte eine Hintergrundfigur schaffen, die durch ihre Erfahrungen in eine Aktualität hineinreicht. Was ganz allgemein gilt: Ein Autor kann alleine keinen Roman schreiben. Er braucht die Zulieferung der Welt. Und die Welt ist ein unerschöpfliches Zulieferungsreservoir. Ich benutze viele Skizzen aus meinem Tagebuch, wenn ich eine solche Figur kreiere. Der im Roman ist natürlich nicht mein Fall, aber so ein Fall. Es ist, kurz gesagt, eine typisch deutsche Biografie aus dem Kulturbetrieb, aus dem Journalismus.
Die Schilderung von erotischen Begegnungen ist nicht glatt oder romantisch. Oft ahnt man die Verstrickung, die aus der Umarmung erwächst. Gibt es eine Erotik ohne Hintergedanken?
Ich würde es nicht gleich Hintergedanken nennen, aber zweifellos: Es ist ja etwas, was man sich nicht aussucht, nicht wählt, das entwickelt sich. Mit dem, was sich entwickelt hat, muss man allerdings umgehen. Wenn Karl schon ein Liebesverhältnis mit diesem Altersunterschied annimmt und einen Film finanziert, in dem diese Frau mitspielt, sind das risikosteigernde Bedingungen. Es kann da nicht ein einfaches, naives Liebesverhältnis geben, es ist problematisch durch und durch. Aber von ihm wird es gelebt, als sei es das einzige in der Welt. Auch wenn er hier, wie im Geschäftlichen auch, betrogen wird. Karl von Kahn weiß aber, dass der Freund ihn nicht betrogen hätte, wenn er es nicht bitter nötig gehabt hätte. Bei der Joni ist es der Preis des Alters. Das macht ihn unglücklich. Wie er darauf reagiert hat - das ist das Entscheidende. Wenn ihm dann Frauen auf der Straße Sätze zuwerfen, die Joni-Sätze sein könnten, das zeigt die Grenze der Zurechnungsfähigkeit. Wenn die Sätze ihm peinlich sind, weil die Leute es hören können, aber auch willkommen in ihrer extremen Unanständigkeit, wie Naturereignisse, Kompensation von ausgebliebenem Schicksal, einfach eine Orgie aus Wünschen und nebenbei eine Sprachbefreiung. Das hat es für mich als Autor sehr reizvoll gemacht, ich habe gerne von ihr erzählt, von dieser grellen Unanständigkeit. Es hat mir eine große Freude gemacht, eine große Schreibfreude.
© Henrik Flor, Literaturtest
im Auftrag von Amazon.de
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