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Interviews
Hier präsentieren wir einige unserer Interviews, geordnet nach den Anfangsbuchstaben der Autoren.
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Fred Vargas
Die dritte Jungfrau
Aufbau-Verlag

Interview mit Fred Vargas

Vargas ist ein Pseudonym, das Sie mit Ihrer Zwillingsschwester teilen. Ava Gardner trägt diesen Namen in dem Film "Die barfüßige Gräfin". Wie kam es dazu?
Diesen Namen hat meine Schwester gewählt, sie wollte als Malerin unseren langen Familiennamen nicht behalten. Da wir beide 50er-Jahre-Filme mochten und Ava Gardner verehrten, lag der Name "Vargas" nahe.
Mit 28 gewann ich einen Krimi-Wettbewerb. Da ich aber zeitgleich mit der Arbeit als Archäologin begann, konnte und wollte ich den Krimi nicht unter meinem bürgerlichen Namen veröffentlichen. Da ich dachte, es sei nur für ein Buch, lieh ich mir das Pseudonym von meiner Schwester.

"Die dritte Jungfrau" dreht sich um das von dem Ermittler Adamsberg gekaufte Haus, durch das ein Geist spuken soll. Wird das Phänomen später einer irdischen Lösung zugeführt, oder bleibt es am Ende Phantastik?
Ich glaube nicht an Gespenster, das sei als Erstes mal gesagt. Aber es hat mich von Anfang an amüsiert, und man weiß ja auch nicht: Gibt es dieses Phantom tatsächlich in der Geschichte, oder existiert es vielleicht nur im Kopf des alten Lucio, der von ihm erzählt, und Adamsberg tut nur so, als ob er's glaubt, um sich auch zu amüsieren, um ein bisschen Poesie in den Alltag zu bringen. Aber ich beantworte die offene Frage nirgends, so dass es am Ende auch keine "Lösung" gibt. Es ist nichts anderes als ein Dekor, ein Motiv, eine musikalische Note mehr.
Dabei ist das Sympathische an Adamsberg, dass er eigentlich kein Problem mit parawissenschaftlichen Phänomenen hat - ihn ein Geist in seiner freien, entspannten, intuitiven Weltanschauung gar nicht stört!
Nein, und es ist offenkundig, dass Adamsberg keinen Augenblick daran glaubt - niemand im Buch glaubt daran. Das Phantom ist nichts weiter als eine Öffnung auf die Gedankenwelt, die Ängste anderer Menschen. Adamsberg spielt damit, um das Leben zu bereichern.

Sie lassen mit Jean-Baptiste Adamsberg und Adrien Danglard sowohl ein Duo ermitteln als auch den Ex-Inspektor Louis Kehlweiler. Warum haben Sie sich nicht auf eine zentrale Figur festgelegt?
Ich habe mich mit Adamsberg durchaus auf eine zentrale Figur festgelegt. Die Figur des Louis Kehlweiler habe ich nach einigen Romanen fallengelassen: Er begann Adamsberg allzu ähnlich zu werden. Es macht keinen Sinn, zwei Helden zu haben, wenn sie in ihrer Persönlichkeitsstruktur ein und derselbe sind.

Fürchten Sie nicht, Adamsberg könnte sich einmal "verbraucht" haben - so wie bei Anne Holt, die ihre Ermittlerin Hanne Willemsen in Rente schicken musste?
Warum sollte sich die Figur "verbrauchen"? Die Sache mit dem wiederkehrenden Helden ist doch komplizierter. Hat Odysseus sich im Laufe seiner Abenteuer abgenutzt? Oder Lancelot? Ich begreife die Romane um Adamsberg als einen Zyklus. Noch kenne ich den Mann nicht gänzlich, und ich weiß nicht, wohin seine Suche mich noch führen wird. Er ist noch nicht am Ende seines Weges.

Was können Sie als Autorin gegen eine mögliche "Abnutzung" des Helden tun?
Wenn ich es dumm anstellte, wenn ich immer wieder die gleichen Bilder verwendete, ihn nicht mit neuen Augen sähe, ihn nicht in den Fluss des Lebens stellen würde, dann, gewiss, würde er zur Statue werden, zum Stereotyp, dann wäre er erledigt, verbraucht, tot. Denn nicht der Held an sich zählt, sondern der unaufhörlich fließende Strom des Lebens, in den ich ihn stelle. Und diesen Strom, den muss ich zu beschreiben verstehen. Nicht ein neuer Name oder ein neuer Charakter bringen Veränderungen, das wäre nur eine billige List. Allein das Leben verändert sich.

Sie sind von Berufs wegen "Spurensucherin", lieben Details, "saugen alles wie ein Schwamm auf". Ist eine Großstadt wie Paris in dieser Hinsicht das perfekte Terrain für Sie?
Nicht das perfekte Terrain, aber ich kenne Paris einfach am besten. Dabei bin ich durchaus nicht Lokalpatriotin, Paris ist für mich keine dramatische Person, auch kein mythischer Ort, und es liegt mir absolut fern, den Ruhm meiner Stadt zu besingen. Im Grunde genügt ein Café, eine Bank, vielleicht ein kleiner Platz am Ende der Straße - in Paris oder anderswo -, und schon könnte ich da eine Geschichte spielen lassen.

Sie haben einen ungewöhnlichen Schreibprozess kultiviert: Eine neue Geschichte reift über ein Jahr lang in Ihrem Kopf, dann schreiben Sie explosionsartig in nur drei Wochen, in den Ferien, eine Rohfassung nieder.
Ja, die Geschichte muss schnell geschrieben werden, damit ich nicht den Faden verliere. Diese erste Fassung lasse ich eine Weile ruhen, dann mache ich mich ans Überarbeiten. Und dafür nehme ich mir viel Zeit.

Wäre für Sie das Schreiben im "Hauptberuf", mit einem täglichen Arbeitspensum, überhaupt denkbar?
Nein, es wäre undenkbar. Und ich will auch nicht, dass das Schreiben mein Hauptberuf wird. Das wäre ein zu ehrgeiziges Ziel für mich. Darum sage ich nie, ich sei "Schriftsteller", auch nicht "Autor", ich sage: "Ich schreibe Geschichten." Das ist ein bisschen was anderes. Ich mache eine ganze Menge Dinge im Leben als Hauptaktivität. Dann plötzlich, in einem Augenblick, Boum!, breche ich aus und schreibe ein Buch. Und dieses Ausbrechen aus der Normalität, das ist es, was mich reizt. Ich werde mein Leben nicht in der Hauptsache damit zubringen, Interviews zu geben und in den Medien aufzutreten, weil ich Schriftsteller wäre. Zum einen denke ich das nicht, zum anderen will ich es nicht. Das Schreiben würde dann eine Verpflichtung werden, eine Fron.

Sie präsentieren sich nicht gern in der Öffentlichkeit und gelten als medienscheu...?
Ich mag es nicht, im Vordergrund zu stehen und meine Bücher zu bewerben. Und wenn ich alle Interviewwünsche annehmen würde, die man heute an mich heranträgt, bliebe mir für das Schreiben keine Minute mehr! Große Medienauftritte lehne ich meist auch deshalb ab, weil dabei meine Bücher und mein Leben miteinander vermengt werden. Dass ich bekannt bin für meine Romane, ist doch kein Grund, dass auch mein Privatleben interessant wäre!

© Henrik Flor, Literaturtest
im Auftrag des Aufbau-Verlags