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Interviews
Hier präsentieren wir einige unserer Interviews, geordnet nach den Anfangsbuchstaben der Autoren.
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Ines Thorn
Die Kaufmannstochter
Rowohlt

Interview mit Ines Thorn

In Ihrem Roman "Die Kaufmannstochter" ist neben der Titelheldin Gutta ihr Ehemann Bertram eine wichtige Figur. Wer aber ist der Gegenspieler der beiden?
Er heißt Ludovik Stetten und verkörpert den typischen Patriziersohn, dem mehr an Prestige als an Arbeit gelegen ist. Im Grunde ist er ein Zerrissener zwischen den Anforderungen seines Vaters und seines Standes und den - nur vage benennbaren - eigenen Bedürfnissen. Im Gegensatz zu dem Bertrams ist sein Ehrgeiz ohne konkretes Ziel. Sein Scheitern ist unausweichlich, bildet aber gleichzeitig die Grundlage für Bertrams Erfolg.

"Die Kaufmannstochter" ist der erste Band einer "großen Saga um eine Frankfurter Kaufmannsfamilie". Wie geht sie weiter?
Im zweiten Band, "Die Tochter des Buchdruckers", stehen die Frauen der Geisenheimers im Mittelpunkt. Der Dreißigjährige Krieg tobt; die Männer der Familie sind zum Teil in die Kriegsgeschehnisse verwickelt. Nun sind es die Frauen, die für ihre Familien sorgen müssen. Dabei spielt ein großes Geheimnis eine wichtige Rolle. Es gibt Rivalitäten unter den Frauen, Ehebruch, eine späte Liebe, einen falschen Erben und - so hoffe ich - jede Menge Spannung. Im dritten Teil geht es dagegen um einen Ausbruch aus Traditionen und Rollenmustern.

Die Titel Ihrer Romane wie "Die Pelzhändlerin" oder "Die Silberschmiedin" verraten schon, dass sich die Geschichten um Frauengestalten herum entwickeln. Warum?
Oh, hier ist die Antwort recht einfach: Ich kenne mich mit Frauen einfach besser aus. Insbesondere, wenn es um weibliche Identität geht, glaube ich, darüber besser Bescheid zu wissen als über Identität und Selbstverständnis derMänner. Darüber hinaus weiß man aus den historischen Wissenschaften einfach mehr über Männer als über Frauen. Geschichtsforschung war Jahrhunderte lang Männerforschung. Es wird Zeit, dass die Frau mal in den Mittelpunkt gerückt wird. Selbst eine so berühmte Theologin wie Hildegard von Bingen war über Jahrhunderte in Vergessenheit geraten.

Schreiben Sie hauptsächlich für eine weibliche Leserschaft?
Nein, ich trenne nicht zwischen einer weiblichen und einer männlichen Leserschaft. Ich freue mich ganz einfach über jeden Leser. Und jede Lesermeinung ist für mich interessant, beflügelt mich oder hinterfragt mich. Ich habe schon tolle Anregungen von Männern bekommen, aber selbstverständlich auch von Frauen. Natürlich kann ich nicht abstreiten, dass meine Bücher mehr von Frauen als von Männern gelesen werden. Vielleicht liegt das daran, dass meine Themen Frauen mehr ansprechen als Männer. Ein Buch sozusagen von Frau zu Frau.

Bei der Arbeit an der Romanbiografie über Matthias Grünewald, "Maler Gottes", wurde Ihnen klar, dass das historische Genre Ihr Metier und Ihre Liebe ist. Was fasziniert Sie besonders, wenn Sie beim Recherchieren und Schreiben ins Mittelalter abtauchen?
Mich fasziniert der Alltag im Mittelalter. Ich möchte wissen, was und wie die Menschen damals gelebt, geliebt, gelitten haben. Was wurde gegessen in einer Zeit, in der es weder Nudeln noch Reis noch Kartoffeln gab? Wie wurde getanzt, gefeiert? Wie getrauert und gelitten? Was galt damals, das noch heute gilt? Was können wir aus der Vergangenheit lernen? Was hat sich grundlegend verändert? Diesen Fragen möchte ich gern in meinen Büchern nachgehen.

Sie haben nach eigenen Worten eine "glückliche sozialistische Kindheit" in Leipzig verbracht und leben nun schon einige Jahre in Frankfurt/Main. Wie kam es zu dem Umzug?
Aus Liebe. Ich habe 1990 in der "ersten deutsch-deutschen Werbeagentur" gearbeitet, ein Joint Venture aus Frankfurtern und Leipzigern. Dort habe ich mich in meinen Kollegen und Chef verliebt und bin mit ihm zusammen nach Frankfurt gezogen. Es hat lange gedauert, bis ich mich in Frankfurt heimisch gefühlt habe, aber jetzt liebe ich insbesondere den Stadtteil Bornheim und die Berger Straße aus vollem Herzen.

Wie sehr fühlen Sie sich noch mit Leipzig verbunden?
Leipzig ist für mich nach wie vor die schönste Stadt der Welt, auch wenn ihr mittlerweile Frankfurt dicht auf den Fersen folgt. Meine Eltern und meine Großmutter leben dort, außerdem einige Freunde. Es kommt immer mal wieder vor, dass ich Sehnsucht nach Leipzig habe, richtiges Heimweh. Schließlich habe ich dort Kindheit und Jugend verbracht.

Sie erzählten einmal, dass in Ihrer Familie die meisten Männer Bücher schreiben. Sind Sie also in einem literarisch geprägten Umfeld aufgewachsen, ist Ihre Leidenschaft, Bücher zu schreiben, quasi schon angelegt gewesen?
Oh, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass mir sowohl meine Eltern und auch meine Großeltern stundenlang vorgelesen haben, als ich noch ein kleines Kind war. Außerdem hörte und höre ich noch heute wahnsinnig gern Geschichten. Dabei ist es mir sogar gleichgültig, ob sie wahr oder erfunden sind. Nicht die Leidenschaft für Bücher liegt mir im Blut, glaube ich, sondern eher die Leidenschaft für Geschichten.

Sie selbst nennen Ihre Lust am Schreiben "Besessenheit" und wollen durch intensives Studium anderer Schriftsteller immer noch dazu lernen. Wer sind Ihre Lieblingsautoren, wer hat Sie am nachhaltigsten beeinflusst?
Ich bin ein großer Fan von Christoph Hein, von Christa Wolf und - neuerdings - von Uwe Tellkamp. Sehr gern lese ich auch die französischen Gegenwartsautoren. Von Josef Winkler habe ich Detailbeschreibungen gelernt, von amerikanischen Fernsehserien ein wenig Dramaturgie abgeschaut. Eigentlich lerne ich bei jedem Buch etwas. Manchmal ist da ein Wort, ein anderes Mal eine Satzstellung, die mir gut gefällt. Lesen und Schreiben sind für mich mehr als ein Beruf, sie sind einfach mein Leben.

Auch die "Galgentochter" bekommt eine Fortsetzung mit dem Titel "Höllenknecht". Arbeiten Sie zeitgleich an mehreren Büchern?
Leider bin ich nur sehr begrenzt fähig zum Multitasking. Ich schreibe meine Bücher fein säuberlich nacheinander. Und nicht nur das: Ich schreibe auch meine Bücher ganz ordentlich von Seite 1 bis Seite 400. Vor- und zurückspringen, wie zahlreiche Kollegen es beherrschen, kann ich leider nicht.

© Große Holtforth, Literaturtest
im Auftrag von Weltbild