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Peter Scholl-Latour
Russland im Zangengriff
Propyläen
Interview mit Peter Scholl-Latour
Russland befindet sich, wie sie schreiben, im Zangengriff zwischen der NATO (mit ihrem "Drang nach Osten"), der aufstrebenden Großmacht China. Hinzukommt die verstärkte Islamisierung der russischen Muslime. Welche dieser Herausforderungen ist die größte für Russland?
Es kommt auf die zeitliche Perspektive an. Im Moment ist der Sog der NATO für Russland destabilisierend. Das sieht ja schon fast nach einer konzertierten Aktion aus und ist völlig unsinnig. Denn im Grund hätte Amerika jedes Interesse daran, sich an Russlands Seite zu stellen. Da haben wir die gemeinsame Herausforderung, den "revolutionären Islam", wie ich ihn nenne. Das betrifft ja nicht nur Tschetschenien, sondern auch Dagestan. Und es besteht die Angst, dass er sich entlang der Wolga ausbreitet bis hin nach Tatarstan, wo ich meinen in meinem Buch den Schwerpunkt setze. Für Amerika ist das Problem, dass Bush so unglücklich mit dem Begriff "islamischer Faschismus" beschreibt, offenkundig. Auf lange Sicht heißt die andere Herausforderung natürlich China, wobei die Amerikaner hier bislang lediglich einen Einflusskampf im West-Pazifik-Raum sehen. Für die Russen ist China perspektivisch die weit größere Herausforderung. Der Osten Sibiriens ist kaum bevölkert, auf der anderen Seite haben wir die Bevölkerungsmassen in China. Die Auseinandersetzung, die vielleicht in 15 oder 20 Jahren stattfinden wird, wird im Moment von Russland und China nicht forciert. Möglicherweise kommt es auch zu einer Osmose - es muss nicht zum Konflikt kommen. In Moskau und Peking scheint man sich zunächst darauf geeinigt zu haben, sich als Partner zu verstehen.
Prinzipiell hätten sich Moskau und Washington zusammenschließen können. Die Amerikaner hingegen machen in ihrer geostrategischen Analyse viele Fehler. Sie sind mehr an der Ausbeutung der Energieressourcen in Zentralasien interessiert, als an einer strategischen Partnerschaft. Und das ist meiner Meinung nach sehr kurzsichtig!
Mit Ihrer Kritik an Washingtons Strategie in Afghanistan und dem Irak - Sie sprechen von einer Vereinnahmung der ISAF-Mission durch die USA - knüpfen Sie an Ihr Buch "Koloss auf tönernen Füßen" an. Sehen Sie für die USA überhaupt noch eine Möglichkeit, aus dem überdehnten Kriegseinsatz in den beiden Ländern auszusteigen. Gibt es irgendeine Exit-Option?
Eine ganz eigenartige Entwicklung ist da im Gange. Es hat ja inzwischen jeder erkannt, dass das ganze Vorhaben, im Irak einen demokratischen Leuchtturm zu errichten und in einem Dominoeffekt die ganze Region zu demokratisieren, völlig gescheitert ist. Es gibt ja die CIA-Analysen, die zeigen, dass der internationale Terrorismus durch den Irak-Krieg noch angeheizt wurde. Rückzugspläne aus dem Irak gibt es. Würden sie umgesetzt, gäbe es wahrscheinlich eine Spaltung des Landes und Chaos in der gesamten Region. Dann würden die USA den Schwerpunkt wieder auf Afghanistan, als Zentrum des Terrorismus, legen. Aber das war und ist Afghanistan ja nicht. Die Ausbildungslager von Al-Qaida waren ja im Grunde Orte, wo gerade einmal Infanterie-Grundausbildung stattfand und ein bisschen Sprengen gelehrt wurde. Die Attentate vom 11. September konnten von hier aus gar nicht koordiniert werden. Die eigentliche Gefahr kommt aus Saudi-Arabien mit seiner fast häretischen Auslegung des Islam. Und ausgerechnet Saudi-Arabien ist ein Verbündeter der USA.
Ihr neues Buch beginnt mit einem Besuch in dem deutschen Stützpunkt in Mazar-e-Scharif in Afghanistan. Das Verteidigungsministerium in Berlin versuchte offensichtlich, diese Reise zu verhindern. Mit welcher Begründung? Fürchtete man eine allzu kritische Berichterstattung über die derzeitige Lage in Afghanistan?
Es war nicht persönlich gemeint. Es handelte sich vielmehr um einen allgemeinen Erlass für Journalisten und auch Abgeordnete, der zwei Monate galt. Niemand wurde mehr von den Bundeswehrmaschinen nach Termes geflogen. Der Transport in Bundeswehrfahrzeugen war verboten worden. Warum, ist mir völlig unverständlich. Die Militärs vor Ort waren zutiefst schockiert, hatten ja schon alles für mich vorbereitet. Verwaltungsstellen hatten mir dann vorgeschlagen, mich dann doch bei den Amerikanern "embedden" zu lassen, was natürlich eine Zumutung ist. Aber man kommt ja auch so nach Kabul. Ich bin dann mit meinem Team in zwei Landrovers in sieben Stunden nach Mazar gefahren. Auf der ganzen Strecke waren keine Patrouillen der internationalen Allianz oder Milizen zu sehen.
Sie kritisieren, dass die Ausweitung des Bundeswehr-Mandats in Afghanistan ohne öffentliche Debatte stattfand. Wer entscheidet eigentlich in Deutschland über das militärische Auslandsengagement? Warum stimmt der Bundestag so gerne fragwürdigen Out-of-Area-Missionen zu?
Das ist nun der Kern des Buches. Und hier werde ich beinahe polemisch. Kritik trifft nicht die atlantische Allianz. Ich fühle mich in Amerika wohl. Ich habe unzählige Freunde dort, die weit entsetzter über die Entwicklung sind als ich. Meine Schwester war Amerikanerin. Es ist die Sorge um das Land. Wir haben den gleichen Ursprung, die gleichen Vorstellungen. Aber das Bündnis, die NATO, ist völlig obsolet geworden. Sie war geschaffen worden für eine sowjetische Bedrohung, die es jetzt nicht mehr gibt. Bei den aktuellen Militäreinsätzen der NATO muss man sich schon fragen, ob der Bündnisfall eingetreten ist oder ob man sich zum Vasallen macht. Und hier ist meine These, dass Deutschland weder mental noch faktisch ein souveräner Staat ist.
Beim EU-Gipfel in Finnland im vergangenen Oktober war Russland nicht dazu zu bewegen, vertragliche Zusicherungen hinsichtlich der Energielieferungen an die EU-Staaten zu machen. Wie sehr wird sich das Kräfteverhältnis - angesichts der immer teurer werdenden Ressourcen - zugunsten von Russland verändern?
Wir sind jetzt in einer komplementären Situation mit Russland. Unsere Energieversorgung kommt zum Großteil aus Russland. Aber wir sind ja auch dabei, uns in die russischen Unternehmen einzukaufen. Mit einer Freund-Feind-Perspektive kommen wir hier nicht weiter. Das ist endgültig vorbei. Ein deutsch-russischer Krieg wäre völlig abwegig. Dass die NATO nicht bis Russland vordringt, ist unter Gorbatschow und Jelzin nie vertraglich festgelegt worden. Das war seinerzeit dilettantisch und schädlich in den Augen der Russen. So hat Russland das Gefühl, systematisch zurückgedrängt zu werden, bis hinter die Wolga. Mit Weißrussland beschäftigte ich mich ja am Anfang des Buchs. Ich bin kein Freund von Lukaschenko. Der ist dumm gewesen, hat bei den Wahlen getrickst und 80 % der Stimmen bekommen - bei freien Wahlen wären es 60 % gewesen. Nur, in anderen Regionen ist man weniger zimperlich. Ich habe viele Diktatoren gekannt, er ist gehört nicht zu den besonders Blutrünstigen. Wenn man mit den Diktatoren in Zentralasien verhandelt, die sich z.T. schlimmer geben als Kim Jong-il, dann sollte man in Weißrussland nicht immer mit dem erhobenen Zeigefinger kommen. Das Gleiche gilt für China, wo jeder Hinterbänkler kommt und den Chinesen erklären will, wie man ein Land mit 1,3 Milliarden Menschen regieren soll.
Europa empfehlen Sie, China endlich in seiner Bedeutung als künftige Großmacht ernst zu nehmen. Weniger halten Sie davon, bei Staatsbesuchen auf die Einhaltung von Menschenrechten zu dringen. Warum macht das in Ihren Augen keinen Sinn?
Es ist heuchlerisch, weil es sehr selektiv ist. Und es ist lächerlich. Jetzt z.B. ist Saddam Hussein zum Tode verurteilt worden. Für orientalische Begriffe ist das völlig normal, der Mann hat es verdient! Dann laufen die EU oder deutsche Politiker hin und sagen, das dürft ihr nicht! Zur gleichen Zeit werden in Saudi-Arabien nach dem Freitagsgebet den Menschen gemäß der Scharia die Köpfe abgehackt - und kein Mensch sagt etwas. Das ist diese entsetzliche Verlogenheit! Das gilt auch für das Prinzip Demokratie. In Palästina ist demokratisch gewählt worden. Und was passiert? Die Hamas wird nicht als Partner akzeptiert. Währenddessen beglückwünscht sich Amerika zur Rehabilitierung von Libyen. Dabei war Gaddafi der Unterstützer des Terrorismus par excellence - was nie für Hussein galt. Aber Gaddafi hat auf nukleare Waffen verzichtet und den Weg zum Erdöl frei gemacht. Das ist Heuchelei, und wir werden unseren eigenen Prinzipien untreu.
Auf Ihren Reisen besuchten Sie auch die Autonome Republik Tatarstan, wo man eine Wiederhinwendung zum Islam beobachten kann. Putin verfolgt die Strategie, durch Konzessionen hinsichtlich der Souveränität und der Entfaltung des muslimischen Glaubens (so er keine politischen Ansprüche stellt), Stabilität einzufordern. Ist das ein Modell, das für die Zukunft tragfähig sein wird? Teilen Sie den Pessimismus Ihrer Begleiterin Leila, die nicht glaubt, dass auf Dauer ein friedliches Zusammenleben von Russen und Tataren möglich ist?
Es wird zweifellos auch dort zu Spannungen kommen. Ich habe ja schon 1991 die Region besucht, als man noch Jelzins Versprechungen von Autonomie Glauben geschenkt hat. Tatarstan liegt ja im Herzen Russlands. Für mich war die große Überraschung, dass der Kreml von Kazan inzwischen von den Minaretten einer riesigen Moschee überragt wird. Noch vor 15 Jahren dominierten hier die orthodoxen Kirchen. Es ist eine Versinnbildlichung der Wiedergeburt des Islam in dieser Region. Wobei in Tatarstan die Vorstellung herrscht, dass man mit einer gemäßigten Form des Islam mehr und mehr Leute für den muslimischen Glauben gewinnen und so gegenüber eines in ihren Augen sittlich verfallenden Russlands bestehen könne. Es ist hier noch(!) kein missionarischer Eifer zu erkennen.
Seit über 55 Jahren sind Sie als Journalist und Publizist tätig. Sie reisen noch immer durch Staaten wir Nordkorea, Afghanistan und den Irak, treffen dort Politiker, Geistliche, Experten, Clan-Führer. Was ist es, das Sie noch immer antreibt? Neugierde, Wissensdurst, Rastlosigkeit?
Ja, Sie haben es schon gesagt: Es ist wohl Neugierde, Wissensdurst. Ich will keine Botschaft überbringen. Ich will die Dinge so schildern, wie ich sie vor Ort und Stelle wahrnehme. So war es schon während des Vietnam-Kriegs, wo ich gegen die vorherrschende Meinung angegangen bin. Am Ende habe ich, auch wenn es blöd klingt, Recht behalten. Im Zusammenhang mit den Themen meiner Bücher gibt es ja hierzulande enorme Wissenslücken. Meine Motivation will ich mit Vergil beschreiben: rerum cognoscere causas - den Grund der Dinge erkennen. Als Kind habe ich davon geträumt, Entdecker zu werden - aber inzwischen war ja schon alles erforscht. Ich gehe auch deshalb so gerne in Krisenregionen, weil dort, wenn die Touristen weg sind, die wahre Natur des Landes zu Tage tritt. Das ist eine hochinteressante Sache. Der liebe Gott hat mir eine physische Kondition gegeben, die es mir ermöglicht, diese Reisen zu machen. Und ich merke immer dann, wenn ich einige Zeit "sesshaft" war, dass ich wieder los muss. Das ist das, was die Franzosen die émotion forte nennen.
Das heißt, dass es auch schon das nächste Buchprojekt gibt?
(Lacht) Ja, ich habe das Thema noch nicht genau definiert. Ich fahre ja nicht irgendwohin und weiß schon vorher, was genau daraus entsteht. Oft wird man ja überrascht.
© Henrik Flor, Literaturtest
im Auftrag von Weltbild
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