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Hier präsentieren wir einige unserer Interviews, geordnet nach den Anfangsbuchstaben der Autoren.
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Salman Rushdie
Shalimar der Narr
Rowohlt

Interview mit Salman Rushdie

Die Zeiten, in denen man Sie nur treffen konnte, nachdem man einen Sicherheitscheck passiert hatte, gehören der Vergangenheit an. Ist Sicherheit überhaupt noch ein Thema für Sie?
Zum Glück nicht mehr. Ich habe gerade eine lange Lesereise durch verschiedene Länder hinter mich gebracht, und es gab nirgendwo irgendwelche Sicherheitsprobleme.

"Shalimar der Narr" beginnt mit einem Mord und scheint in einer Tragödie zu enden. Gleichzeitig bleibt der Schluss offen, in der Schwebe. Warum lassen Sie den Leser am Ende "allein"?
Ich glaube, Hemingway sagte einmal, es hat eine eindrückliche Wirkung, wenn man in einem Roman einen Satz weniger schreibt, als man könnte. So überlässt man es dem Leser, den letzten Satz zu ergänzen. Allerdings ist das Rätsel des Schlusses von "Shalimar der Narr" nicht so schwierig zu lösen, letztlich ahnt man doch, was "im letzten Satz" geschehen wird.

Es scheint, als gäbe es in Ihrem Buch keinen Raum für eine "glückliche" Lösung von Konflikten?
Der Roman ist eine Tragödie, ja. Aber das Großartige an einer Tragödie ist doch, dass die Bedeutung des Textes keineswegs nur deprimieren muss, sie kann einen auch im positiven Sinne berauschen. Das hat etwas mit der Frage nach der Wahrheit zu tun. Wenn eine Tragödie etwas Wahres über Menschen und ihre Motive aussagt, ist es nicht weiter wichtig, ob sie gut oder schlecht endet. Die Frage ist vielmehr, ob das Ende wahrhaftig, glaubwürdig ist.

In "Shalimar der Narr" geht es nicht zuletzt auch um die Mechanismen der Gewalt. In einem Interview sagten Sie einmal, dass nicht jeder Mensch in gleichem Maße zur Gewalt fähig ist. Unter welchen Bedingungen entsteht die Gewalt in Ihrem Roman?
Die Antwort auf diese Frage hat mit einer der Grundtatsachen des Romans zu tun: mit der Persönlichkeit, dem Charakter einer Figur. Manche Menschen neigen eher zur Anwendung von Gewalt als andere. Nehmen Sie einen Ort wie Kaschmir. Jeder Mensch dort leidet mehr oder weniger gleich unter den Lebensumständen. Viele Menschen empfinden die Situation ähnlich, doch deshalb greift bei weitem nicht jeder zur Gewalt! Warum entscheidet sich einer für die Anwendung von Gewalt, während sein Nachbar, der in der gleichen Situation ist, dies nicht tut? Der Grund dafür liegt in der jeweiligen Persönlichkeit. Und diese zu ergründen, ist von jeher Sache des Romans gewesen. Ein Roman ist einfach ein sehr gutes Medium, um diesen Fragen nachzugehen. Wenn man mit all den allgemein diskutierten Erklärungen für Gewalt, die auf einen politischen, sozialen, ökonomischen oder ideologischen Druck verweisen, durch ist, stellt man fest: Diese Erklärungen reichen nicht aus. Um die Wurzeln der Gewalt zu finden, muss man in die Herzen der Menschen schauen, ihre Gefühle verstehen. Und das ist es, was die Literatur tut!
Es geht mir in "Shalimar der Narr" nicht um Verallgemeinerungen, die Figuren sind nicht repräsentativ für Menschen in dieser oder jener Situation. Ich möchte lediglich glaubwürdig und überzeugend darstellen, warum genau diese Person genau diese Entscheidungen getroffen hat. Ich glaube, Literatur ist dort am besten, wo sie sich mit dem Besonderen, dem Einzelnen beschäftigt, wo es um diese eine Person geht - und nicht um alle. Wenn der Leser dem Geschehen in meinem Roman folgt, es glaubwürdig findet, kann er sich selbst andere Handlungsabläufe vorstellen, die in ähnlicher Weise stimmig sind. Ich habe mich immer dafür interessiert, was mit einem Menschen geschieht, in dessen Leben sich ein radikaler Wechsel vollzieht, dessen Schicksal plötzlich eine Wendung nimmt, die in keiner Weise vorhersehbar war. Dieser Frage nach dem radikalen Wandel im Leben eines Menschen lässt sich natürlich an Orten wie Kaschmir besonders gut nachgehen. Hier ist es wahrscheinlicher als anderswo, dass ein Leben, das sich eigentlich in einer bestimmten Richtung entwickelt hätte, plötzlich ganz anders verläuft. Die Fragen, die mich interessieren, sind: Wie vollzieht sich eine solche Veränderung? Und welche Konsequenzen hat sie? In Bezug auf Kaschmir kann man fast sagen, dass sich die gesamte Gesellschaft in den letzten 20 Jahren komplett gewandelt hat. Darum geht es in meinem Buch: die Gründe und die Folgen dieses radikalen Wandels im Leben der Menschen dort mit den Mitteln des Romans zu ergründen.

In Ihrem Buch spielen Fragen der Identität eine große Rolle...
Ja, sicher. India z.B.: Der Roman beginnt mit dieser Figur, und "Shalimar der Narr" erzählt nicht zuletzt ihre Geschichte. India kennt die Geschichte ihres Lebens nicht, sie wurde ihr nie erzählt. Auf eine sehr grundlegende Weise weiß sie nicht, wer sie ist. In gewisser Hinsicht ist das, was im Buch geschieht, die Darstellung des Weges, auf dem sie die Wahrheit über ihr Leben herausfindet. Wenn sie schließlich nach Kaschmir geht, die Geheimnisse ihrer Vergangenheit lüftet, am Grab ihrer Mutter steht usw., wird sie in bestimmtem Sinne "ganz", das neu gewonnene Wissen über sich selbst verleiht ihr Stärke.

Welche Rolle spielt "das Magische" in "Shalimar der Narr"?
Einerseits ist dies vielleicht das naturalistischste Buch, das ich je geschrieben habe. Andererseits gibt es auch "magische Elemente" in "Shalimar der Narr". Es gibt sie, weil sie für die Menschen, die ich beschreibe, wirklich existieren. Wenn die Menschen daran glauben, dass das Göttliche in irgendeiner Art und Weise jeden Tag in ihr Leben eingreift, muss man einen Weg finden, dies auch darzustellen. Und dann muss man natürlich die Konventionen naturalistischen Erzählens verletzen. Ich selbst bin nicht religiös, aber die Figuren, über die ich in diesem Buch schreibe, sind es. Wenn ich glaubwürdig darstellen will, wie sie die Welt wahrnehmen, müssen in dieser Geschichte Wunder zumindest möglich sein. Deshalb muss es diese magische Ebene geben - auch wenn ich persönlich ohne sie auskäme.

Sie sprachen bereits über die radikalen Veränderungen, die Kaschmir in den letzten Jahrzehnten durchlaufen hat. Ging es Ihnen in "Shalimar der Narr" auch darum, das "paradiesische" Kaschmir vor den Zeiten der Gewalt zu schildern?
Ja. Die Radikalisierung des Islam dort ist ein relativ junges Phänomen. Früher z.B. waren die Frauen dort sehr selbstbewusst, trugen nicht unbedingt Schleier, arbeiteten mit Männern zusammen usw. Auch wenn Kaschmir sicherlich nie ein Paradies war - nichts auf dieser Welt ist vollkommen -, so war es doch im Großen und Ganzen eine friedliche Gemeinschaft, das Zusammenleben funktionierte. In Indien kursierten Witze über die Menschen aus Kaschmir, in denen ihnen Feigheit unterstellt wurde. Aber sie waren nicht feige, sie waren einfach nur friedlich! Es ist schon eine Ironie der Geschichte, dass dieser Teil des indischen Subkontinents, der einst wegen seiner Friedfertigkeit verlacht wurde, zu einer der am stärksten von Gewalt geprägten Regionen geworden ist. Diese Zerstörung einer friedlichen Gesellschaft nachzuvollziehen, ist bitter. Insofern ist "Shalimar der Narr" vielleicht mein traurigstes Buch. Ich habe versucht, das ein wenig zu verbergen, indem ich so viel Witz wie möglich habe einfließen lassen. So wurde der Roman zu einer Tragödie im Gewand einer Komödie.
Selbst wenn es eines Tages eine Lösung des Konflikts geben sollte, ist die kulturelle Vielfalt des früheren Kaschmir nicht wieder herzustellen. Der große Verlust, der durch die Vertreibung der Hindus entstanden ist, ist irreparabel. Es ist ähnlich wie in Deutschland: Man spürt in gewisser Weise die Abwesenheit der geflohenen Juden, dieses "Loch" innerhalb der deutschen Kultur. Etwas ist für immer verloren. Das ist auch eine mögliche Definition des Tragischen: Etwas wurde unwiederbringlich zerstört. Auch in der Liebe zwischen einem Mann und einer Frau gibt es das: Eine Verletzung sitzt so tief, dass sie nie mehr verheilen kann, so sehr sich dies die Liebenden auch wünschen mögen. Die Geschichte einer solchen Zerstörung und ihrer Konsequenzen - auch das ist "Shalimar der Narr".

Dies sind Auszüge aus einem Round-Table-Gespräch, das Salman Rushdie mit mehreren Journalisten in einem Berliner Hotel führte. Die Fragen stellte unter anderem Roland Große Holtforth, Literaturtest.

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