 |
 |
 |
 |
 |
 |
Jürgen Neffe
Einstein
Rowohlt
Interview mit Jürgen Neffe
Herr Neffe, wie nähert man sich einem Mythos? Einstein gilt als Genie, sein Porträt mit der herausgestreckten Zunge hätten sich Markenstrategen nicht besser ausdenken können. War es schwer, "hinter die Kulissen" zu gelangen?
Eigentlich nicht. Ich bin ja gleich auf den Mythos losgegangen. Für mich gibt es zwei verschiedene Aspekte, die eine Art Überthema des Buches bilden: Das eine ist das Rätsel des wissenschaftlichen Wirkens: Wie konnte ein Mensch so Unglaubliches leisten? Darauf gebe ich viele Antworten. Und das andere ist die Frage seiner Wirkung. Auch die Frage, inwiefern er selbst dazu beigetragen hat. Das Bild mit der herausgestreckten Zunge ist dafür ein schönes Beispiel. Ursprünglich handelte es sich um ein Foto, auf dem noch zwei andere Personen zu sehen waren. Einstein selbst hat sich, also seinen Kopf, dann ausgeschnitten, vervielfältigen lassen und an alle möglichen Freunde und Kollegen versandt. So was macht man nicht, wenn man dieses Bild nicht hinterlassen will. In der Tat ist es ja so etwas wie ein kleines Vermächtnis.
Im Allgemeinen spricht man ehrfürchtig von dem einen Tag im Jahre 1905, an dem Einsteins Relativitätstheorie die Wissenschaft revolutionierte. Wie kam es zu diesem Tag? Woraus konnte Einstein schöpfen, und was war die genuine Leistung des Berner Patentamt-Angestellten?
Erst einmal hat er auf zehn Jahre harte Arbeit zurückgegriffen. Das ist nicht aus dem Blauen heraus entstanden. Schon in seiner Jugend hatte Einstein eine sehr umfassende naturwissenschaftliche Bildung erworben. Beim letzten Physikerkongress im März 2005 in Berlin wurde übrigens gerade die Frage diskutiert, ob Einstein der letzte Alleskönner war. Das ist ein interessanter Punkt. Einstein hat noch die gesamte Physik überblickt. Genuin war, dass er erkannt hat, dass die Risse in der Theorie, die sich schon seit Ende des 19. Jahrhunderts auftaten, überall hinreichten. Er hat gesehen, dass es sich hier um eine Schwäche des gesamten Systems handelte. Während die einzelnen Fürsten innerhalb ihrer Disziplinen - vor allem in den Großdisziplinen Thermodynamik, Mechanik, Elektrodynamik - versucht haben, zu kitten und zu flicken. Einstein hat gesehen, das ist alles ein großes Bild, das die Risse bekommen hat. Das musste komplett erneuert werden.
Revolutionär wurde er übrigens durch die Arbeit zur Lichtquantenhypothese. Das ist auch die einzige Arbeit, die er selber revolutionär genannt hat. Revolutionär war Einstein natürlich auch aus philosophischer Sicht. Jemand, der die Konzepte von Raum und Zeit umwirft, ist per se ein Revolutionär. Aber innerhalb der Physik war er das eher durch die Quantenhypothese. Dabei ist interessant, dass er sich ab den 1920er Jahren vehement gegen die moderne Quantentheorie gestellt hat, weil er die Kausalität nicht aufgeben wollte. Der berühmte Satz "Gott würfelt nicht" hat damit zu tun, dass er gesagt hat, das Weltgeschehen sei praktisch - wie man sich das seit Newton vorstellte - vom großen Uhrmacher einmal angestellt worden und laufe seitdem. Einstein hat ja sogar den freien Willen negiert, weil er glaubte, im Grunde laufe alles nach den Gesetzen der klassischen Physik ab, und es gebe keinen Zufall. Die Quantenmechanik hat aber den so genannten objektiven Zufall in die Naturwissenschaften eingeführt, und damit zur Überwindung der klassischen Physik beigetragen. Einstein hat das begründet, aber dann hat er es bekämpft. Die Quantenmechanik ist die eigentliche moderne physikalische Theorie des 20. Jahrhunderts. Dummerweise stehen zwei große Theorien jetzt nebeneinander, nämlich Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie als Grundlage der Kosmologie, die das Universum beschreibt, also die Welt im Großen, und die Quantentheorie, die die Welt im Kleinsten beschreibt. Diese beiden Theorien passen überhaupt nicht zusammen. Die Suche nach der berühmten Weltformel, an der auch Einstein ehrenwert gescheitert ist und die bis heute weitergeht, beinhaltet ja genau das: Wie kriegt man die beiden Theorien zusammen? Das ist bis heute nicht gelungen, und ob es jemals gelingen wird, weiß man nicht. Möglicherweise sind die beiden Welten auch schon in ihren Formalismen so disparat, dass man sie gar nicht zusammenbringen kann.
Einstein könnte ein Leitbild für die Wissenschaften sein. Er erklärt uns die Welt, er hält sich von der Macht und den Mächtigen fern, er ist Pazifist und verachtet alles Militärische, auch wenn er einmal sagte, dass ihm "jedes praktische Ergebnis, das sich nebenher oder künftig möglicherweise daran [an seine Forschungen] knüpfen könnte, vollkommen gleichgültig" sei. Hatte er Schwächen?
Ja klar, sehr viele. Vor allen Dingen war er, wie ich sehr ausführlich beschreibe, ein äußerst widersprüchlicher Mensch. Genau einen solchen Widerspruch haben Sie mit Ihrer Frage angesprochen. Zu meinem Erstaunen zieht Einstein überhaupt keinen scharfen Trennungsstrich zwischen Grundlagenforschung, die der reinen Kenntnis der Natur dient, wie er sie betrieben hat als theoretischer Physiker, und der angewandten Forschung, wie sie beispielsweise sein Kollege und langjähriger Freund Fritz Haber betrieben hat. Da verblüfft einen Einsteins Einäugigkeit ein wenig.
Denn das sind ja zwei Paar Schuhe. Ob ich versuche zu verstehen, wie Materie und Energie zusammenhängen, und dann zu einer Formel gelange; oder ob ich versuche, Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung in Maschinen oder auch Waffen umzusetzen. Mit dem von Ihnen zitierten Satz meinte er natürlich seine eigene Forschung. Aber, dass er seine Kollegen nicht angegriffen hat, zum Beispiel den eben genannten Haber, dass es von ihm kein bekanntes Zitat gegen den Giftkrieg gibt, das verwundert sehr. Vor allem, wenn man bedenkt, dass er seine pazifische Haltung ab 1914 an den Tag legte.
Albert Einstein soll immer darauf geachtet haben, dass er zwölf Stunden Schlaf bekam. Was können wir noch Nützliches von ihm lernen?
Na ja, ob er diese zwölf Stunden immer gekriegt hat... Außerdem sprach er von zehn Stunden. Es gibt ja auch Leute, die behaupten, er sei Vegetarier gewesen. Das ist Unsinn. Nein, im Ernst: Was ich von ihm gelernt habe, ist seine Unangepasstheit. Einstein hat sich nicht verbiegen lassen. Wahrheit war für ihn etwas ganz Wichtiges. Wenn er der Wahrheit auf der Spur war, hat er sich niemals von Autoritäten reinreden lassen. Auch unter Inkaufnahme von Nachteilen. Er war nicht nur der Sunnyboy, sondern hat sich für seine Interessen eingesetzt. Es gibt zudem zwei Sachen, für die ich ihn bewundere: Das ist sein Umgang mit dem Tod und mit der Medizin. Er hat gesagt, ich will nicht, dass die Ärzte mich noch operieren. Ich habe mein Lebenswerk getan, ich möchte mit Grazie sterben. Einer der letzten Sätze, die er gesagt hat, war tatsächlich: "Ich habe meine Sache hier getan." Und in größerem Zusammenhang steht damit auch, dass ihm Besitz nichts bedeutet hat. Und Leute, die nicht mit Ketten am Besitz hängen, die haben natürlich auch weniger Probleme, irgendwann abzutreten.
Ein kompliziertes Verhältnis hatte Einstein zu seiner Heimat Deutschland. Als Jude flüchtete er 1933 vor den Nazis ins Exil. Schon 20 Jahre zuvor nennt er die Deutschen "roh und primitiv". Können Sie uns ein wenig davon erzählen, was Einstein mit Deutschland verband und was ihn trennte?
Ich würde sagen, es verband ihn sehr viel mehr, als ihn trennte. Ich wage ja auch in meinem Buch die These, dass Einstein in Deutschland glücklich alt geworden wäre. Es war seine Heimat - gerade Berlin und in Ergänzung dazu sein Sommerhaus in Caputh. Mit dem Deutschland, das er dann verlassen hat, hat ihn natürlich nichts verbunden. Größer könnte eine Amplitude nicht auseinanderklaffen. Er hat Deutschland bzw. das Deutschland, das er verlassen musste, so sehr gehasst, dass er sogar den Abwurf der Atombombe über Deutschland gebilligt hätte. Schon als Jugendlicher hatte Einstein Deutschland einmal verlassen. Es wird immer sehr heroisch beschrieben, denn er hatte sogar seine Staatsbürgerschaft aufgegeben. Das hat er wohl vor allem deshalb getan, um dem Militärdienst zu entkommen. Aber es gab auch die Sehnsucht des Kindes nach der Familie, denn seine Eltern wohnten schon seit einem Jahr in Mailand. Er ging ja zunächst nach Italien. Er hat vieles im Alter auch düsterer dargestellt, als es war - zum Beispiel die Schulerziehung in Deutschland. Beispielsweise war das Luitpold-Gymnasium weit weniger kasernenhaft, als Einstein das in seinen Erinnerungen beschreibt. Vielleicht war der Schrecken so groß, weil Einstein es mit dem Gymnasium in Aarau vergleichen konnte, in dem er sein Abitur gemacht hatte. Diese Schule war nun aber auch extrem fortschrittlich, extrem reformorientiert, vielleicht eine der drei Topschulen Europas, eine in der Tradition Pestalozzis unterrichtende Schule in der ohnehin toleranten Schweiz. Als Einstein dann 1914 nach Deutschland zurückkehrte, da hatte er erst einmal ein Problem mit diesem Land. Das Land, das er wegen des Militärs verlassen hatte, war militarisiert wie nie zuvor. Es hatte sich voller Wonne in den Ersten Weltkrieg gestürzt. Da wurde Einstein zu einem politischen Menschen, zunächst eher innerlich. Es gibt hier ziemlichen Streit unter den Biografen und Fachleuten. Ich zähle zu denen, die davon ausgehen, dass Einstein erst 1918/19 wirklich politisch aktiv geworden ist. Das sieht man zum Beispiel an den Protokollen der Akademie-Sitzungen, laut derer Einstein nie zu politischen Themen gesprochen hat - auf 150 Sitzungen, während derer auch politische Diskussionen geführt wurden. Wenige Tage aber nach der Novemberrevolution hält er eine flammende Rede vor über 1000 Leuten, in der er sich einen "alten Demokraten" nennt, der nicht umlernen musste. Aber zurück zur Frage: Einstein hatte sich früh die deutsche Niederlage gewünscht. Das schrieb er auch an Romain Rolland. Und nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches verband Einstein natürlich große Hoffnungen mit Deutschland. Aber Einstein wurde auch von Anfang an diffamiert, verfolgt, beschimpft, es gab Todesdrohungen. Dafür gab es viele Gründe: die Relativitätstheorie, die als sehr spekulative Theorie immer auch Gegner hatte, und die Tatsache, dass Einstein Jude war und ein Linker. Und dann war er noch unangepasst - in seiner Kleidung, in seinem Verhalten. Und doch konnte Einstein ab 1925 ein relativ ruhiges Leben führen. 1929 kam noch sein Sommerhaus dazu. Deshalb wäre er sicher gern in Deutschland geblieben.
Einstein und sein Werk wurden zum Gemeingut der besonderen Art - jeder hat von ihm gehört, aber wer hat ihn gelesen (und verstanden)? Gibt es ein Werk von Einstein, das Sie Leuten empfehlen können, die erstmalig das Gedankengebäude des großen Denkers betreten wollen?
Da gibt es ein ganz wichtiges Werk: "Die Evolution der Physik", das er zusammen mit einem Assistenten, Leopold Infeld, geschrieben hat. Das ist in den 1930er Jahren herausgekommen und war damals ein großer Bestseller. Sehr lesenswert ist auch das Zitate-Buch "Einstein sagt", weil er zu so vielen Themen etwas zu sagen hatte. Und natürlich ist es auch ein Vergnügen, den Briefwechsel mit seiner ersten Frau zu lesen, Mileva Maric: "Am Sonntag küss' ich Dich mündlich".
© Mathias Voigt, Literaturtest
|
 |
 |