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Manfred Lütz
Gott
Droemer/Knaur
Interview mit Manfred Lütz
Ihr Buch richtet sich an "Atheisten, Gottgläubige und solche, die es werden wollen" - um nicht zu sagen: an jedermann. Was machen Sie als Autor anders als andere Verfasser theologischer Bücher, die sich an ein breites Publikum wenden?
Seit Jahrzehnten reden wir alle von der entscheidenden Bedeutung der Gottesfrage. Doch es gibt kein Buch, das man einem normalen Atheisten in die Hand drücken kann nach dem Motto: Da können Sie die wesentlichen Argumente für und gegen den Glauben an Gott lesen, ohne unverständliches Theologendeutsch, unterhaltsam mit ein paar Geschichten und doch substanziell. Ich habe das Buch von einem Metzger und vom Philosophen Robert Spaemann lesen lassen, und die fanden das beide ganz okay.
Was ist Glaube primär für Sie? Steht die Beziehung zu einer göttlichen Instanz als Wert für sich, oder geht es Ihnen auch z. B. um die soziale oder psychische Funktionen des Glaubens?
Man kann den Glauben natürlich auch unter dem Gesichtspunkt seiner sozialen oder psychischen Nützlichkeit betrachten. Doch die entscheidende Frage ist, ob er wahr ist. Wenn sich Religion der Öffentlichkeit nur noch unter dem Aspekt der Nützlichkeit anbiedert, hat sie sich als Religion bereits aufgegeben. Wenn in der journalistischen Saure-Gurken-Zeit immer wieder die Nachricht durch kirchliche Gazetten geistert, dass Menschen, die beten, älter werden als Menschen, die nicht beten, dann mag das ganz unterhaltsam sein. Gäbe man das im Ernst als Argument für den christlichen Glauben aus, dann wäre das Etikettenschwindel. Der christliche Glaube hat schließlich viele Menschen ziemlich zeitig das Leben gekostet, Jesus selbst, die frühchristliche Märtyrer und auch vielen Märtyrer unserer Zeit. Wer bloß möchte, dass die eigenen Kinder lange leben, der sollte sie nicht im christlichen Glauben erziehen, sondern besser eine Frau aus dem Kaukasus heiraten.
Was hat sich an Ihrer Einstellung und Ihren Überzeugungen während der Arbeit an dem Buch verändert? Welche neuen Antworten haben Sie gefunden?
Das Buch ist im Wesentlichen eine argumentative Bilanz über meinen eigenen Glauben auf dem jetzigen Stand. Ich habe mir einfach einen gescheiten Atheisten vorgestellt und mit dem ein respektvolles vernünftiges Gespräch geführt. Dabei sind mir selbst freilich einige Argumente wieder deutlicher geworden. In der Beschäftigung mit dem Atheismus ist mir vor allem klarer geworden, wie sehr die argumentativen Grundlagen des Atheismus mit der naturwissenschaftlichen Entwicklung des 20. Jahrhunderts zusammengestürzt sind. Der Atheismus des 20. Jahrhunderts musste sich argumentativ neu erfinden, wenn er nicht durch staatliche Indoktrination überlebte.
Sie selbst nehmen an, dass der Glaube an Gott - und damit auch eine moralische Instanz - das Handeln der Menschen positiv beeinflusst. Nun hört man aus Kreisen z. B. radikaler Religionskritiker aus den USA (siehe etwa Richard Dawkins) die gegenteilige These. Was antworten Sie diesen?
Warum soll ich keine Bank überfallen, wenn ich sicher bin, dass ich nicht erwischt werde? Wenn mit dem Tod alles aus ist und es keinen Gott gibt, ist es eigentlich ziemlich unvernünftig, eine Bank nicht zu überfallen, wenn man sich sicher sein kann, nicht erwischt zu werden. Der Philosoph Immanuel Kant, den Dawkins zitiert, ohne ihn zu kennen, hat die Auffassung vertreten, jeder Mensch wisse, dass er moralisch handeln, also keine Banken überfallen solle. Doch wenn diese Moralität den Anspruch erhebe, zugleich vernünftig zu sein, dann müsse jemand zugleich Freiheit, Unsterblichkeit der Seele und die Existenz Gottes annehmen. Denn der uneigennützig gute Mensch sei im Leben häufig der Dumme. Wenn es nach dem Tod keinen Ausgleich dafür gebe und keine Instanz, die diesen Ausgleich sicherstelle, sei Moralität unvernünftig. In diesem Sinne sind die vielen Atheisten, die dankenswerterweise keine Banken überfallen, nach Kant zwar moralisch wie jeder Mensch, aber zugleich ein wenig irrational. Nicht der Glaube, der Atheismus ist heutzutage irrational. Erfreulicherweise, denn auch ich habe Geld auf der Bank...
In Ihrem Buch entwerfen Sie ein buntes, teils amüsantes, teils erschreckendes Panoptikum all der Figuren, Grüppchen, Schulen und Moden, die wahlweise Gott oder die Ablehnung ihm gegenüber für ihre ganz eigenen Zwecke instrumentalisieren. Ihr Buch ist ein Schritt, Ordnung in dieses Chaos zu bringen. Was muss noch geschehen, damit wieder ein unverstellter Blick möglich wird?
Wir brauchen wieder Aufklärung über Wesentliches. Das will das Buch leisten. Allzu lange haben wir mit ein paar dämlichen unerleuchteten Klischees hemmungslos auf den christlichen Kirchen herumgehauen und uns dadurch von den reichen spirituellen Quellen des Abendlands abgeschnitten. Doch es hat sich gezeigt, dass Esoterik und ostasiatische geistige Schnittblumen bloß wie bunte Papierflugzeuge für Gutwetterphasen des Lebens sind. Aber in wirklichen Lebenskrisen tragen sie nicht. Die Frage nach Gott ist freilich keine Expertenfrage, sie ist entweder eine Frage für alle oder eine Frage für keinen. Und das wird in vielen Diskussionen, die ich jetzt führe, deutlich. Denn ein Leben verläuft anders, wenn jemand an Gott glaubt, als wenn er nicht an Gott glaubt. Doch wir brauchen diese Debatte ganz breit. Populär und zugleich auf dem heutigen Stand der Wissenschaft über Wesentliches zu schreiben, ist in Deutschland zwar nicht üblich, aber dennoch dringend. Die Frage nach der Existenz Gottes ist wesentlich.
Ihn Ihrem Buch geht es um nichts weniger als um ein gutes, sinnerfülltes Leben. Wie kann dies - wenn Sie die Botschaft Ihres Buches zusammenfassen wollten - am besten gelingen?
Indem man sich der Unwiederholbarkeit jedes Moments des Lebens bewusst ist. Wenn ich jedem, der das jetzt liest, in diesem Moment das genaue Datum seines Todes voraussagen könnte, dann bin ich sicher, dass Sie morgen schon anders leben werden. Denn Ihnen ist klar: Das ist ein unwiederholbarer Tag weniger auf der Rechnung, den bekomme ich nie wieder zurück, da mache ich keinen Unsinn. Nun ist es aber so, dass wir alle sterben und dass der morgige Tag ein unwiederholbarer Tag weniger auf der Rechnung ist... Wer sich darüber klar wird, der vermag sich wieder intensiver mit Wesentlichem zu beschäftigen, der wird fähig zur Muße und damit zum Glück. Wer bloß mit Gesundheitsreligion, Fitnesskult und Diätwahn den Tod zu verdrängen versucht, gewinnt nichts, sondern er verpasst dieses unwiederholbare Leben dieses unwiederholbaren Menschen, zu dem kein anderer jemals "Ich" sagen wird.
© Henrik Flor, Literaturtest
im Auftrag von Weltbild
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