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Donna Leon
Blutige Steine
Diogenes
 
Interview mit Donna Leon
In "Blutige Steine" muss sich der Commissario vorsichtig an die "vucumprà", die illegalen afrikanischen Straßenhändler, herantasten und erfährt schließlich eine ganze Menge über sie. Wie sind Sie zu diesem Insiderwissen gekommen? Hatten Sie persönliche Kontakte zu Afrikanern?
Nachdem ich beschlossen hatte, über die "vucumprà" zu schreiben, habe ich mich mit einem Polizeikommissar und auch mit dessen Vorgesetzten unterhalten. Sie konnten mir einiges über sie erzählen. Und dann habe ich mit Leuten gesprochen, die in Venedig leben - mit einem Schuhmacher, einem Ladenbesitzer, mit dem Bäcker oder mit einem Freund, der bei der hiesigen Transportgesellschaft arbeitet. Kurz: Ich habe alle meine Freunde und Bekannten interviewt. Dann begann ich, über den Senegal nachzulesen. Und ich sprach mit zwei "vucumprà", bis ich schließlich anfing, das Buch zu schreiben.
Zusammen mit Brunetti findet der Leser langsam heraus, dass die Gründe für den Mord an einem "vucumprà" auf politischer Ebene zu suchen sind. Ist Ihre Geschichte reine Fiktion, oder gibt es einen wahren Hintergrund?
Ich vermute, dass die meisten organisierten illegalen Aktivitäten irgendwie in Verbindung mit der Politik stehen. Schauen Sie mal: Da schaffen es Tausende von Leuten aus ein und demselben Land, einen Platz zum Leben zu finden, satt zu werden, Geld zu verdienen. Sie alle verkaufen dieselben Produkte auf den Straßen und arbeiten so regelmäßig wie legale Arbeitskräfte. Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu; so wenig wie die Tatsache, dass sie nur selten eingesperrt oder ausgewiesen werden.
Brunetti und seine Kollegen teilen von Zeit zu Zeit Seitenhiebe gegen Touristen aus, die Venedig besuchen. In "Blutige Steine" zählen die Amerikaner zu den "Hauptopfern". Beschweren sich Ihre Landsleute manchmal? Oder hat sich das Tourismusbüro von Venedig schon bei Ihnen gemeldet?
Von Beschwerden habe ich nie gehört. Und die im Tourismusbüro wissen sicher nicht einmal, wer ich bin. Vielleicht fallen die Amerikaner ja deshalb so stark auf, weil sie so groß sind ...
Bei den Brunettis kommen oft tolle Speisen und Getränke auf den Tisch, das ist sehr gute italienische Küche. Würden Sie sich selbst als Genussmenschen beschreiben?
Als Genussmenschen? Großer Gott! Ich esse gern und gut, und ich koche gern und gut. Das Skurrile ist, dass die meisten Italiener es, glaube ich, gar nicht so toll finden, was bei den Brunettis gegessen wird. Die Leute hier sind damit aufgewachsen und setzen diese gute Esskultur fort.
Haben Sie eigentlich die Brunetti-Filme gesehen, die für das deutsche Fernsehen gedreht wurden?
Ach ja, diese Filme. Vor Jahren habe ich zwei von ihnen gesehen. Ich war aber in keiner Weise an ihrer Entstehung beteiligt.
Sie wurden in Amerika geboren und sind viel gereist. Seit 1981 leben Sie in Venedig. Sind Sie mittlerweile eine "richtige" Venezianerin?
Nein, eine Venezianerin bin ich nicht. Ich verlaufe mich noch immer, wenn ich einmal in Viertel komme, die ich nicht so gut kenne. Und ich spreche auch kein "Veneziano". Aber davon einmal abgesehen, fühle ich mich hier zu Hause. Es ist ein Privileg, in Venedig zu leben.
Donna Leon, wir danken für das Gespräch.
© Roland Große Holtforth, Literaturtest
im Auftrag von Amazon.de
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