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Interviews
Hier präsentieren wir einige unserer Interviews, geordnet nach den Anfangsbuchstaben der Autoren.
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Daniel Kehlmann
Die Vermessung der Welt
Rowohlt

Interview mit Daniel Kehlmann

Alexander von Humboldts Forschen ist geprägt von Bewegung und Experiment, Carl Friedrich Gauß vermisst die Welt mit Hilfe der Mathematik, ohne dabei seinen Standort zu verändern. Dennoch hat man das Gefühl, dass es eine starke Verbindung zwischen den beiden Protagonisten gibt. Worin liegt diese?
Im Wissen wollen. Beide wollen die Welt verstehen, das ist der Hauptantrieb ihres Lebens -- dem sie auf sehr unterschiedliche Weise nachgehen. Der eine durch Sammeln und Reisen, der andere durchs Abstrahieren, durch das Denken.

Nietzsche sah in jeder Philosophie den Ausdruck der Person ihres Urhebers. Inwieweit trifft dies auch auf v. Humboldt und Gauß und ihr jeweiliges Werk zu?
Humboldts Vision einer statischen, wohlgeordneten Welt entspringt nicht zuletzt dem Wunschdenken eines Mannes, der viele Ängste und viel Dunkles in sich selbst zu verdrängen hat. Gauß wiederum in seiner Melancholie und seiner Misanthropie sucht nach den Gesetzen, das heißt den Regeln hinter den Erscheinungen. Die bunte, lärmende Welt kommt ihm unverlässlich und vor allem zu einfach gestrickt, zu traurig vor. Übrigens sind für Gauß, den Mathematiker, Sinnlichkeit und Denken keine Gegensätze. Das widerspricht dem Klischee, gerade darum ist es wahr.

Kürzlich sagten Sie: "Ich finde, das 18. Jahrhundert war eine tolle Zeit, die letzten Jahre, wo man die Hoffnung hatte, dass es der Mensch noch hinkriegt, die letzten Jahre wo man hoffte, dass alles noch gut wird." Was hat dazu geführt, dass diese Hoffnung starb? Und welchen Anteil hat die moderne Naturwissenschaft daran?
Der Turnvater Jahn, der ja in meinem Roman auch auftritt, sogar als eine der wiederkehrenden Hauptfiguren, demonstriert, wie hier etwas grundsätzlich schief lief. Im ersten Drittel meines Buches kommt noch Kant vor, allerdings schon als seniler Greis, im letzten Drittel schwingt schon der Turnvater das große Wort: Deutschland steuert in die geistige Katastrophe. Und was die Wissenschaft angeht: Ja, sie hat die Welt vermessen, darin liegt ihre Größe, aber darin liegt auch unser Verlust, der Planet ist nun ganz buchstäblich zu großen Teilen verpestet. Das war wahrscheinlich eine notwendige Entwicklung, aber man wird melancholisch, wenn man sich klarmacht, wie viel unschuldiger die Erde vor zweihundert Jahren noch war.

Inwiefern verweist der Titel Ihres Buches auch auf die "Vermessenheit" des Menschen, sich und das Universum erkennen zu wollen?
Es ist eine Vermessenheit, aber eine Vermessenheit, in der auch viel Größe liegt. Es waren immer vermessene Unternehmungen, die die Menschheit vorangebracht haben. Niemand, der je zum Zahnarzt musste, kann wirklich ein Fortschrittsfeind sein.

Sie haben Ihren Ansatz des Schreibens einmal als gebrochenen Realismus bezeichnet. Was meinen Sie damit?
Ich meine eine Prosa, die vorgibt, realistisch zu sein, aber unauffällig Brüche in die scheinbar zuverlässig wiedergegebene Wirklichkeit einfügt. In meiner Novelle "Der fernste Ort" zum Beispiel ertrinkt ein Mann beinahe, täuscht dann seinen eigenen Tod vor und flieht aus seiner Existenz. Nach und nach aber wird alles immer merkwürdiger: Szenen aus seiner Kindheit ereignen sich noch einmal, er begegnet längst Verstorbenen, irgendetwas stimmt ganz und gar nicht. All das legt die Möglichkeit nahe, dass er vielleicht wirklich ertrunken ist und alles, was er nun erlebt, Visionen einer Agonie sind. Aber die Frage wird nie beantwortet; es sind immer mehrere Erklärungen möglich. (Amüsant übrigens, dass der Großteil der Rezensenten das Buch als realistischen Aussteigerthriller gelesen und es auch noch gelobt hat - ein Resultat, dass ich wirklich nicht erwartet hatte und das mich, ehrlich gesagt, auch mehr konsterniert hat, als es wütende Verrisse getan hätten.) In der "Die Vermessung der Welt" gibt es nicht nur so manchen magischen Realismus - Gedankenübertragung, Geistererscheinungen, Seeungeheuer, einmal sogar ein UFO -, sondern das ganze Buch gibt sich im Ton als sachliches historisches Werk, ist jedoch im Grunde nichts weniger als das. Auch das bezeichne ich als eine Form von gebrochenem Realismus.

Die meisten Rezensenten sind voll des Lobes ob der Eleganz Ihrer Prosa und Ihres Humors. Einigen aber ist Ihr Roman zu leicht im Ton, zu spielerisch, sie vermissen "das Metaphysische". Was entgegen Sie einer solchen Kritik?
Das ist der klassische Topos des Antimodernismus. Das wurde über Thomas Mann gesagt, über Nabokov, über Proust und Joyce, eigentlich über jeden Schriftsteller, der etwas taugt. Ich bin stolz und dankbar, wenn das da und dort auch über mich geäußert wird, es setzt mich in die beste Gesellschaft, in der man sein kann. Im Übrigen mag meinen Romanen das eine oder andere fehlen, aber sie sind durch und durch voller Metaphysik. Vielleicht gibt es sogar zu viel davon.

Von Ihnen stammt der Satz: "Die Aufgabe von Literatur ist es, auch von Verlierern zu erzählen." Sind die beiden Forscher Gauß und Humboldt auch Verlierer? Und was unterscheidet den Verlierer von anderen Sterblichen?
Jeder Sterbliche ist ein Verlierer, wenn man scharf genug hinsieht. Und zwar schon deshalb, weil er sterblich ist. Ernsthafte Literatur sieht Menschen anders an als der Magazinjournalismus, dadurch wird vor ihrem Blick jede Glorie zu etwas Relativem und jeder Mensch zu einem partiellen Verlierer - aber auch jeder Verlierer zu einem partiellen Sieger.

© Roland Große Holtforth, Literaturtest
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