Aktuelles
Home
Impressum
Kontakt
Literaturtest
PR und MarketingTextInternetLiteraturfilmReferenzen

Interviews
Hier präsentieren wir einige unserer Interviews, geordnet nach den Anfangsbuchstaben der Autoren.
Mehr über unsere Arbeit in diesem Bereich erfahren Sie hier.

 A  B  C  D  E  F  G  H  I |J| K  L  M  N 

 O  P  Q  R  S  T  U  V  W  X  Y  Z 

Peter James
Stirb ewig
S. Fischer

Interview mit Peter James

"Verbrechen lohnt sich", könnte man sagen, wenn man Ihre zahlreichen Aktivitäten in Sachen Krimi, z. B. als Autor und Film-Produzent, in Betracht zieht. Können Sie uns sagen, wie alles angefangen hat?
Schon als kleines Kind wollte ich Schriftsteller werden und Filme machen. Ich wollte die Leute unterhalten, aber gleichzeitig wollte ich die Medien Buch und Film dazu nutzen, unsere Welt und unsere Gesellschaft zu ergründen. Aber ich hatte nie geglaubt, wirklich talentiert zu sein... Einen ersten großen Schritt machte ich dann mit 17. Ich gewann einen von der BBC veranstalteten Wettbewerb für Kurzgeschichten und musste meine Geschichte im Radio vortragen. Es hat mir Spaß gemacht und mir vor Augen geführt, dass, obwohl das gedruckte Buch das mediale "Urgestein" ist, es darüber hinaus noch alle möglichen anderen Medien gibt, in denen das geschriebene oder gesprochene Wort in wunderbar eingesetzt werden kann.
Was meine heutige Arbeit angeht, so ist für mich der Kriminalroman das Genre, in dem ich die Welt, in der wir leben, erforschen kann. Und da ich auch einige Jahre Filme und Fernsehsendungen gemacht habe, möchte ich letztlich auch die Roy-Grace-Romane fürs Fernsehen verfilmen - hoffend, den Büchern dabei gerecht zu werden.

Wo liegt der Schwerpunkt Ihrer Arbeit, und welche Arbeitsphase macht Ihnen am meisten Freude?
Romane zu schreiben ist für mich das Größte, und immerhin konzentriere ich mich dabei vor allem auf die Roy-Grace-Krimis. Ich glaube, beim Schreiben eines Romans kommt es darauf an, drei zentrale Elemente miteinander zu verknüpfen, eines ist so wichtig wie das andere: die Charaktere, die Recherche, der Plot. Am meisten Spaß macht mir die Recherche. Ich habe das Glück, im Laufe der Jahre ein großes Netzwerk von Freunden bei der Polizei von Sussex entwickelt zu haben, der ja auch mein Protagonist Roy Grace angehört. Außerdem habe ich Kontakte zu Polizeieinheiten überall auf der Welt, insbesondere zum Landeskriminalamt in München, verschiedenen Beamten in den USA, in Victoras, Australien, und in Schweden. Demnächst reise ich zur Moskauer Polizei - worauf ich mich sehr freue! Was mich an Polizisten am meisten fasziniert, ist, dass sie die Welt ganz anders betrachten als die meisten Menschen. Wenn wir z. B. zwei Männer vor einem Schaufenster sehen, nehmen wir an, dass sie sich etwas aussuchen, das sie vielleicht kaufen möchten. Ein Polizist, der dasselbe sieht, fragt sich gleich: "Warum stehen die beiden da und blicken ins Schaufenster? Planen sie einen Überfall? Geht es um einen Drogen-Deal? Warten sie darauf, jemandem die Handtasche entreißen zu können... ?"

Sie lieben ausgefallene schnelle Autos, fahren selbst Rennen und betreiben viel Sport. Dienen diese Freizeitaktivitäten nur Ihrer Entspannung oder testen Sie dabei auch Ihre Grenzen aus?
Nun, Rennautos zu fahren ist sicherlich etwas anderes als Romane zu schreiben! Ich glaube, dieser Kontrast ist sicherlich auch ein Grund dafür, dass es mich so fasziniert. Das Schreiben ist doch eine sehr sesshafte - und mitunter sehr einsame Tätigkeit. Unter Rennfahrern dagegen spielen Kameradschaft und Teamwork eine wichtige Rolle. Komischerweise spüre ich während des Schreibens manchmal Adrenalinschübe, meistens an den spannendsten Stellen. Ein Autorennen ist ein einziger, ununterbrochener Adrenalinschub: von dem Moment, in dem du den Gurt schließt, bis du wieder aus dem Wagen steigst. Im Auto bin ich plötzlich ein anderer Mensch - den größten Teil meiner wachen Zeit verwende ich doch darauf, über mein Schreiben nachzudenken. Im Wagen kann man das vergessen. Alles, woran du denken kannst, ist der nächste Bremspunkt, die Suche nach dem Scheitelpunkt der Kurve, die Strategie für ein Überholmanöver usw. Du versuchst, den Wagen auf der Straße zu halten und zu überleben - wissend, dass der kleinste Fehler dich in einen schlimmen Unfall verwickeln könnte. Nach einem Rennen bin ich in Hochstimmung und fühle mich erfrischt. Das ist auch der Grund, warum ich die deutschen Autobahnen so liebe!!!

Sie schätzen den direkten Kontakt zu Ihren Lesern per E-Mail. Ihre Romane werden in vielen Ländern gelesen - bekommen Sie inzwischen Post aus aller Welt?
Es ist einfach fantastisch, wie viele E-Mails ich täglich von überall auf der Welt bekomme - ich liebe das! Mit einigen Lesern haben sich echte Brieffreundschaften ergeben. Sie erzählen mir von ihrem Leben, ihren Lieben, ihren Freundinnen und Freunden, davon, wie sich ihre Schul- oder Berufslaufbahn entwickelt, und sie schicken mir Bilder von ihren Familien und ihren Autos. Oft bieten sie mir auch Hilfe bei meinen Recherchen an. Und ich habe festgestellt, dass sich unter meinen Fans auf der ganzen Welt ziemlich viele Polizisten befinden!
Die meisten Reaktionen erhalte ich aus Deutschland, Rumänien, Holland, Australien, Italien, Amerika, Schweden, Polen, China, Russland und Frankreich. So bekomme ich wunderbare und kostenlose Einführungen in eine ganze Reihe von Kulturen!
Das Schreiben ist in erster Linie eine einsame Sache. Dennoch stehe ich per E-Mail täglich mit vielen Menschen auf der ganzen Welt in Kontakt. Es schreiben mir so viele Leute, wie sehr sie sich auf mein nächstes Buch freuen, dass ich langsam eine große Verantwortung empfinde, sie nicht zu enttäuschen!!! Einerseits schmeichelt es mir, dass die Geschichten, die ich in meiner Kammer in London oder Sussex in die Tasten hämmere, von so vielen Menschen gelesen werden und ihnen etwas bedeuten. Aber es macht mich auch ein bisschen nervös, sie möglicherweise zu verärgern oder zu enttäuschen. So wie jede Fabrik eine Qualitätskontrolle hat, so habe auch ich meine eigene: in Gestalt der großen Zahl von Lesern, da draußen, online, die Finger auf der Tastatur, bereit loszulegen.

In "Stirb ewig" ist ein makabrer Scherz bei einem Junggesellenabschied Ausgangspunkt der Geschichte. Entsprang alles Ihrer Phantasie, oder gibt es in England wirklich so raue Sitten? Und warum lassen Sie den ermittelnden Inspektor Roy Grace hier eher schwerfällig erscheinen?
Junggesellenabschiede in Großbritannien fallen tatsächlich traditionell eher etwas brutaler aus. Ich selber wurde zum Beispiel von meinen Freunden bei einer Pub-Tour ziemlich abgefüllt mit Bier, Wodka, Gin und Whiskey. Als es dann ein Uhr war, zogen sie mich aus - bis auf meine roten Socken -, setzen mich auf einen Briefkasten mitten in Brighton, riefen dann die Polizei und vermeldeten, ein nackter Perversling treibe sich im Stadtzentrum herum. Ich wurde verhaftet!
Zwar habe ich noch nie von einem Bräutigam gehört, der lebendig begraben wurde - das ist meine Erfindung, aber keineswegs undenkbar. Die beiden anderen, von mir im Buch dargestellten Junggesellenabschiedsszenen sind dem wirklichen Leben entnommen und Freunden von mir widerfahren.

Können Sie Ihren Lesern verraten, worum es sich in dem 2008 erscheinenden Thriller "Töte dreimal" handelt? Ist Inspektor Grace wieder dabei?
Ja, Grace ermittelt wieder. Alles beginnt mit einem Typen aus Brighton, Ronnie Wilson, der in ziemlichen finanziellen Schwierigkeiten steckt. Er will einen alten Freund besuchen, einen Milliardär, der in New York lebt. Er verabredet sich mit ihm in seinem Büro - um 9 Uhr am 11. September 2001 im südlichen Turm des World Trade Centers. Ronnie kommt zu spät zu seiner Verabredung, aber gerade rechtzeitig, die ganze Katastrophe wahrzunehmen - und hat plötzlich eine Idee. Jeder wird denken, dass auch er umgekommen ist. Er muss sich nur eine Weile still verhalten, seine Identität wechseln, seine Frau vielleicht ein Jahr lang die trauernde Witwe geben lassen, um dann seine Lebensversicherung und weitere Entschädigungen für Opfer des Anschlags zu kassieren und woanders neu anzufangen...
Mittlerweile, sechs Jahre später, ermittelt Roy Grace wegen einer Frauenleiche, die in einem Gully in Brighton gefunden wurde. Langsam findet er heraus, dass es eine Verbindung zwischen den beiden Fällen gibt...

In einem Interview bekannten Sie, dass Übernatürliches wie Telepathie Sie fasziniert und Sie viele Jahre darüber recherchiert haben. Sie sagten: "Es gibt Geister, ganz bestimmt."
Werden uns in einem Ihrer nächsten Romane Geister begegnen?

Ich bin sehr vorsichtig damit, Übernatürliches in den Roy-Grace-Romanen anzusprechen. Im Laufe der Jahre habe ich mich mit sehr vielen Polizisten in Großbritannien und vielen anderen Ländern unterhalten und herausgefunden: Eine überraschend große Zahl von ihnen sind bereit, sich an ein Medium zu wenden, wenn alle andere Ermittlungsmethoden gescheitert sind. So haben portugiesische Polizisten in dem furchtbaren Fall der vermissten Madeleine eingeräumt, dass sie auch eine Hellseherin befragt haben.
Dennoch wäre es, glaube ich, den Lesern gegenüber unfair, eine Art "deus ex machina"-Lösung eines Kriminalfalles durch den Einsatz übernatürlicher Kräfte zu präsentieren. Allerdings habe ich schon vor, in zukünftigen Romanen übernatürliche Phänomene stärker einfließen zu lassen. Und ich habe auch schon eine Idee für eine Story: Es geht um eine Gruppe von Geisterjägern, die auf etwas sehr, sehr Gruseliges stoßen.
Und, ja, mich persönlich interessiert dieses Thema sehr - habe ich doch in zwei Häusern gelebt, in denen es ziemlich spukte. Wenn ich abends aus dem Büro gehe, lasse ich mein Textverarbeitungsprogramm an - und hoffe, dass ich am nächsten Morgen feststelle, dass die Geister inzwischen das nächste Kapitel für mich geschrieben haben. Aber bis jetzt haben sie sich still verhalten...

© Henrik Flor, Literaturtest
im Auftrag von Weltbild