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Ken Follett
Eisfieber
Weltbild
Interview mit Ken Follett
In Ihren Büchern überzeugen Sie immer wieder mit profunder Sachkenntnis, ob es sich um Baukunst, Spionageeinsätze, Flugzeuge oder tödliche Viren handelt. Wie viel Zeit verwenden Sie auf die Recherchen zu einem Roman im Verhältnis zum eigentlichen Schreiben?
Das Überraschende ist, dass mich die Vorab-Recherche nur 4-6 Wochen kostet, auch wenn der Aufwand von Roman zu Roman variiert. Natürlich schaue ich während des Schreibens immer wieder auch Dinge nach und überprüfe sie. Daher ist es schwierig zu messen, wie viel Zeit ich insgesamt auf Recherchen verwende. Aber vorab reichen tatsächlich ein paar Wochen.
Ihr letztes Buch "Eisfieber" ist ein Wissenschaftsthriller und handelt vom Diebstahl tödlicher Viren aus dem Hochsicherheitstrakt eines Forschungslabors. Ist es vorstellbar, dass es in der Realität zu einer solchen Gefährdung vieler Menschen kommen kann?
Die Leute befürchten solche Ereignisse - und sie haben Recht damit. So etwas kann passieren. Man kann nichts weiter tun, als die größtmöglichen Vorsichtmaßnahmen zu ergreifen, aber wir müssen mit diesen Viren arbeiten, wenn wir neue Medikamente entdecken wollen. Das ist ein Dilemma, die Gefahr ist definitiv vorhanden.
Sie arbeiten gerade an der Fortsetzung zu "Die Säulen der Erde", die wieder in Kingsbridge spielt, allerdings zweihundert Jahre später. Die Pest wird eine entscheidende Rolle spielen. Wird es ein düsterer Roman? Und ist Herbst 2007 weiterhin der geplante Erscheinungstermin?
Ja, den ersten Entwurf habe ich beendet. Während des Sommers wurde er von meinen Lektoren und drei Historikern gelesen, die extra engagiert wurden, um zu überprüfen, ob auch alles richtig ist. Ich habe gerade begonnen, den Text zu überarbeiten. Im Mai müssten wir fertig sein. Im September 2007 wird das Buch in London herauskommen, im Oktober dann in New York.
Sie haben u.a. auch einen Abschluss in Philosophie. Welchen Einfluss hat die Philosophie auf Ihre Arbeit als Autor, z.B. in Bezug auf Themen, Inhalte oder Stil?
Das Entscheidende ist, dass man, wenn man anfängt, Philosophie zu studieren, Fragen stellt. Z.B.: Ist der Tisch, der vor mir steht, real? Wenn man sie wörtlich nimmt, ist das natürlich eine dumme Frage. Sie wird erst unterhaltsam, wenn man ihr mit Fantasie begegnet. Diese Fähigkeit, den "normalen" Dingen mit Fantasie zu begegnen, benötigt man auch als Romanautor, und darin liegt die Verbindung von Philosophie und Schreiben. Ich begann, Philosophie zu studieren, weil ich mich als junger Mann viel mit Religion und Gott beschäftigt habe. Ich hatte viele Fragen, und das Studium half mir, ihnen nachzugehen.
Eine deutsche Produktionsfirma hat die Filmrechte an Ken Follett-Romanen erworben und plant die Verfilmungen in Kooperation mit dem ZDF. Zunächst soll "Die Pfeiler der Macht" produziert werden, danach "Eisfieber". Werden Sie in die Arbeiten involviert sein? Und was sollten die Filmleute Ihrer Meinung nach unbedingt beachten?
Ich denke, das Wichtigste ist, dass die Filmemacher die Struktur des Romans erhalten. Natürlich können sie Veränderungen vornehmen. Ein Roman ist mit Worten erzählt, ein Film arbeitet mit Bildern. Unterschiede sind also unvermeidlich. Die erzählerische Stringenz muss jedoch gewahrt bleiben, auch, damit die Spannung erhalten bleibt. Diese Spannung ist es doch, die die Leser meine Romane so schnell durchlesen lässt.
Sie sagten einmal, dass Ihnen Musizieren und Lesen als Freizeitbeschäftigung sehr wichtig sind. Welche Musik hören Sie am liebsten?
Ich mag fast jede Musik: klassische Musik, Pop, die Beatles, Elvis Presley. Was ich aber am meisten liebe, ist der Blues.
Schon vor zehn Jahren schrieben Sie den Wissenschaftsthriller "Der dritte Zwilling". Hat Sie bei der Arbeit an diesem Buch mehr die Frage nach dem Ursprung krimineller Neigungen interessiert, nach dem die Protagonistin Dr. Ferrami sucht, oder der augenblickliche Stand der Zwillingsforschung?
Hier geht es um Identitäten, die Konfusion von Identitäten. Mich interessierte vor allem das Drama zweier Menschen, die sich so ähnlich sind, dass die Umwelt sie kaum unterscheiden kann. Einer kann etwas verbrochen haben, und der andere wird schuldig gesprochen. Erst im zweiten Schritt habe ich mich mit Genetik beschäftigt. Das faszinierte mich und machte mir viel Spaß (und später auch den Lesern), es hat mir regelrecht einen neuen "Kick" gegeben. Aber im Vordergrund stand wirklich immer das Drama.
"Mitternachtsfalken" spielt wie vorher schon "Die Nadel" vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges. Am Anfang des Buches ist zu lesen: "Einiges von dem, was folgt, ist tatsächlich geschehen". Wie wichtig ist solch ein realer Kern für einen Roman über eine jüngere Vergangenheit wie den Zweiten Weltkrieg?
Ich finde es sehr hilfreich, sich von realen Ereignissen inspirieren zu lassen. Natürlich folge ich diesen realen Ereignissen nicht sklavisch. Ich schreibe eine Fiktion. Das Reale kann ein Ausgangspunkt sein. Es ist nicht absolut, gibt meinen Romanen aber etwas Authentisches. Die Leser interessiert es, glaube ich, nicht so sehr.
Sie engagieren sich in der Labour-Party, haben u.a. Fundraising für diese betrieben. Haben Sie schon einmal mit dem Gedanken gespielt, Berufspolitiker zu werden?
Meine Frau ist ja Politikerin, sie ist Mitglied des britischen Unterhauses. Ich glaube, bei uns ist nur Platz für einen Politiker in der Familie, obwohl es unter meinen Freunden auch Paare gibt, bei denen Mann und Frau aktiv in der Politik arbeiten. Bei uns bleibt es aber dabei, dass meine Frau die "offizielle" Politikerin ist, und ich derjenige bin, der sie unterstützt.
© Roland Große Holtforth, Literaturtest
im Auftrag von Weltbild
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