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Interviews
Hier präsentieren wir einige unserer Interviews, geordnet nach den Anfangsbuchstaben der Autoren.
Mehr über unsere Arbeit in diesem Bereich erfahren Sie hier.

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Åke Edwardson
Zimmer Nr. 10
Claasen

Interview mit Åke Edwardson

Kommissar Winter hat in "Zimmer Nr. 10" eine Lebenskrise. Eigentlich möchte er eine Auszeit vom Polizeidienst nehmen, aber dann passiert dieser Mord im Hotel, der ihn auch noch in seine eigene Vergangenheit führt, sein eigenes Leben wird bedroht, es geht also wirklich ans Eingemachte. Aber: in der Extremsituation gewinnt er Klarheit über sich. Sollte man Krisen allgemein so angehen?
Meine literarischen Figuren sollen nicht exemplarisch sein und ganz bestimmt nicht als Vorbilder dienen, weder in ihrem Handeln noch im Charakter. Erik Winter zum Beispiel ist ein Mensch wie jeder andere auch, mit Fehlern und Brüchen. Er ist ein ausgezeichneter Detektiv, wahrscheinlich, weil er von seiner Arbeit besessen ist, und diese Besessenheit fordert ihren Tribut. Ein wichtiges Element der Winter-Reihe ist, dass er eine moralische Person ist, keine politische, und damit meine ich, dass er ein anständiges Leben zu führen versucht, mit moralischen Standards, was ziemlich schwer ist. Aber er versucht es. Er denkt viel über sein Leben nach, was jeder intelligente Mensch tun sollte.

Sie gelten als typischer "Schwedenkrimi-Autor", Winter als typischer "Schwedenkrimi-Kommissar". "Zimmer Nr. 10" ist der siebte Kommissar Winter-Krimi. Das Genre ist einerseits ein Qualitätsmerkmal. Aber ist es nicht manchmal auch ein Fluch, immer in diese Schublade gesteckt zu werden? Wie denken Sie darüber?
Das ist das erste Mal, dass mich jemand einen "typisch schwedischen Autor" nennt! "Typisch schwedisch" gibt es nicht, und jeder Leser weiß, dass ich meinen ganz eigenen Stil habe und dass Erik Winter meine ganz eigene Schöpfung ist. Wenn man mein Schreiben charakterisieren wollte, dann am ehesten als "Besessenheit von Sprache".

Welches Buch sollte ein Schwedenreisender als literarische Inspiration im Gepäck haben, wenn er Göteborg besucht, um es richtig kennen zu lernen?
Vielleicht sollte er mit "Die Schattenfrau" beginnen. Das führt den Leser sowohl in die Innenstadt als auch an die schönen (und versteckten!) Strände und in die trostlosen Vororte. Aber die Winter-Bücher sind in Wirklichkeit ein einziger großer Roman in mehreren Teilen, von daher kann ich sie alle empfehlen!

Sie sind von Haus aus Journalist, haben als UN-Pressemitarbeiter lange Zeit im Nahen Osten gearbeitet. Wie reagieren Sie persönlich auf die neue Eskalation des Nahostkonflikts? Denken Sie darüber nach, dorthin zurückzukehren?
Die Lage erfüllt mich mit Sorge und Abscheu. In den schlimmen Zeiten in den 80ern war ich als UN-Pressemitarbeiter in Israel, im Libanon, auf Zypern und in der gesamten Region im Einsatz, und auch in den letzten Jahren war ich wieder dort. Es ist wie in jedem Krieg und jedem Konflikt: 99,99 Prozent der katastrophalen Folgen trägt die ganz normale Bevölkerung.

Inwiefern unterscheidet sich die Recherche für einen Roman von der für eine journalistische Reportage? Wie wichtig sind Fakten für Ihre literarische Arbeit?
Das ist eine gute, aber schwer zu beantwortende Frage. Bei meinen Recherchen habe ich immer journalistisch gearbeitet und tue das auch jetzt noch - auch wenn ich beim Schreiben komplett vergessen muss, dass ich je ein Journalist gewesen bin. Bei der Erzählliteratur schreibt man in Schichten, in verschiedenen Dimensionen, während der Journalismus - in einem guten Sinne - eindimensional sein sollte. Bei Erzählungen muss man dem Leser verschiedene Wege anbieten, ihm viel Raum für seine Fantasie lassen, im Journalismus nie. Die Fakten in den Winter-Büchern sind alle real, wahr, und das ist sehr wichtig. Aber die Art und Weise, wie ich sie arrangiere, entspringt meiner Fantasie. Reale Fakten in eine fiktionale Umgebung einzubetten, macht sie nur noch realer, glaube ich.
Nun schreibe ich ja auch andere Arten von Erzählliteratur - auf Deutsch sind bisher "Der letzte Abend der Saison", "Der Jukebox-Mann" und "Samurai-Sommer" erschienen -, und in diesen Büchern geht es nicht so sehr um Fakten, sondern eher um mein inneres Selbst. Ich erforsche mein Inneres, mein Gedächtnis, mein eigenes Leben sehr genau, während es bei den Winter-Büchern eher um Recherchen von außen geht.

Herr Edwardson, ich habe gehört, Sie zeigen Journalisten gern die Orte des Geschehens Ihrer Romane. Im Fall von "Zimmer Nr. 10" also das Bahnhofsviertel von Göteborg, das Hotel, in dem Paula Ney ermordet wurde, oder die Wohnung von Kommissar Winter. Wie kann man sich das vorstellen: Gehen Sie gezielt zu den Orten und erzählen die Geschichten, oder ist es umgekehrt so, dass Ihnen irgendwann auffällt: "Oh, das könnte ja das Hotel aus meinem Roman sein"?
Ehrlich gesagt bin ich es ein wenig leid, ausländischen Journalisten all diese Orte zu zeigen. Aber wenn ich es doch einmal tue, dann besuche ich erneut die Orte, die mich zu den Geschichten inspiriert haben, und dann finde ich es genauso faszinierend wie die Journalisten, sie wiederzusehen. Manchmal baue ich einen Platz, an dem ich gerade vorbeigegangen bin, in einen Roman ein, ein anderes Mal entscheide ich schon vorher, dass dieser oder jener Stadtteil im Buch vorkommen soll, und dann mache ich dort meine Recherchen. So entdeckte ich zum Beispiel vor einigen Jahren, als ich durch den Süden der Stadt fuhr, diesen kleinen Lebensmittelladen namens "Manhattan Livs". Den Namen fand ich großartig, und auch der heruntergekommene Bezirk, durch den ich gerade fuhr, war große Klasse. So kam es, dass dieser Stadtteil und auch der Laden den Rahmen für den Roman "Das vertauschte Gesicht" abgeben.

Meinen Lesern in Deutschland alles Gute - vielleicht sieht man sich ja mal!

© Astrid Vogelpohl, Literaturtest
im Auftrag von Weltbild