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Markus Breitscheidel
Abgezockt und totgepflegt
Econ
Interview mit Markus Breitscheidel und Günter Wallraff
Herr Breitscheidel, Sie haben ein Jahr lang als Krankenpfleger gearbeitet und die Zustände in deutschen Pflegeeinrichtungen auf drastische Weise kennen gelernt. Welches Bild haben Sie dort vorgefunden?
Es ist schwierig, hierauf eine kürzere Antwort zu geben als die 240 Seiten, die mein Buch umfasst. Ich versuche es mal.
Ich habe über 450 Menschen gepflegt und dabei die schlimmen Folgen des Pflegestufenmodells kennen gelernt. Die Wissenschaftler, die es erdacht haben, mögen humanen Motiven gefolgt sein, aber ihre Konstruktion ist günstigstenfalls naiv zu nennen. In der Praxis hat das Modell der drei Pflegestufen verheerende Konsequenzen. Im Kern besagt es: Je pflegebedürftiger ein Mensch ist, desto mehr Zeit müssen ihm die Pflegekräfte widmen. Da die Kosten der Pflegeleistung von der aufgewendeten Zeit abhängen, heißt das im Klartext: Je schlechter der Zustand der Heimbewohner, desto mehr kann die Heimleitung für die Pflege eines Bewohners berechnen. Verbessert sich umgekehrt der Zustand eines Pflegebedürftigen, wird das Heim dafür, ökonomisch betrachtet, "bestraft". Welche Konsequenzen dies in Pflegeeinrichtungen hat, die als profitorientierte Wirtschaftsunternehmen arbeiten, liegt auf der Hand: Die systematische Vernachlässigung der pflegebedürftigen Menschen, von der ich in meinem Buch berichte, lohnt sich. Das von mir geschilderte Beispiel der Frau, die nach einem Beckenbruch zur Rehabilitation in ein Heim kommt und binnen weniger Monate dank der ihr zuteil gewordenen "Pflege" eine Pflegestufe höher eingeordnet werden "kann", ist alles andere als ein Einzelfall.
Wer ist schuld an dieser Misere: Unmotivierte Mitarbeiter, skrupellose Heimleitungen, oder hat es die Politik verschlafen, rechtzeitig auf den demografischen Wandel zu reagieren?
In erster Linie liegt die Verantwortung bei der Gesetzgebung, welche die Rahmenbedingungen festlegt. Erst in zweiter Linie sind es skrupellose Heimleitungen.
Es gibt bereits durchaus schon Reaktionen aus der Politik. Die bayerische Sozialministerin Christa Stewens war sichtlich schockiert, als ich ihr meine Befunde erläuterte. Gabi Zimmer, PDS-Politikerin und Abgeordnete im Europa-Parlament, hat mich per Mail auf die Auswirkungen der Bolkestein-Direktive aufmerksam gemacht, die möglicherweise noch im Herbst 2005 vom Europa-Parlament verabschiedet werden soll. Sie besagt in der aktuell diskutierten Fassung, dass Normen und Regulierungen für Dienstleistungen lediglich den Anforderungen des Herkunftslandes unterliegen. Das hieße z.B.: Eine Firma, die ihren Sitz in Litauen hat und in Deutschland Dienstleistungen erbringt, würde nicht den deutschen, sondern den litauischen Qualitätsstandards unterliegen - und zwar auch im Bereich der Pflege- und Gesundheitsdienstleistungen.
Was muss sich Ihrer Ansicht nach sofort ändern?
Man muss dringend das System aufgeben, Pflege nach Zeitkorridoren zu organisieren. Hier sehe ich die Ursache der Gewalttaten in Heimen. Außerdem muss man das Pflegestufenmodell überdenken.
Was sagen Sie den Leuten, die Ihnen entgegen halten, dass es auch ganz vorbildliche Einrichtungen gibt?
Auch in meinem Buch finden Sie eine vorbildliche Einrichtung. Ich halte dieses für das wichtigste Kapitel. "Gut so!", sage ich also den Menschen, und: "Lernt von den Guten!" Alles steht und fällt mit der sozialen Einstellung des Heimleiters.
Jenseits von Pflegeeinrichtungen: Welche Bereiche - auch außerhalb des Gesundheitswesens - müssten Ihrer Meinung nach in diesem Land kritisch unter die Lupe genommen werden?
In Zeiten sozialer Kälte könnte ich Ihnen hier einiges nennen. Was mein nächstes Projekt angeht: Lassen Sie sich einfach überraschen...
Günter Wallraff hatte es vorgemacht, wie man investigativ arbeitet, ohne sich selbst dabei zu schonen. Welche Rolle hat er bei Ihrer Arbeit und dem Buch gespielt (das Vorwort stammt ja von ihm)?
Seine Bücher waren mir seit meiner Jugend bekannt, und ich halte das "wallraffen" für die ehrlichste Art einer Recherche. Während meiner Arbeit hat er eine sehr kleine unterstützende Rolle gespielt.
Herr Wallraff, wie kam der Kontakt zu Markus Breitscheidel zustande? Was genau hat Sie dazu bewogen, sich für sein Buch zu engagieren?
Unsere erste Begegnung ergab sich eher zufällig - wenn man glaubt, dass es Zufälle gibt. Sie entstand aus meiner Leidenschaft, mit Steinen zu arbeiten, Stelen und Mobiles zu schaffen etc. Markus Breitscheidel arbeitete in der Firma, in der ich mir immer mein Werkzeug besorge. So kamen wir ins Gespräch, und bald war klar, dass er sich in ähnlicher Weise wie ich engagieren wollte und auf der Suche nach einem Thema war. Das Thema für "Abgezockt und totgepflegt" war dann seine Idee. Ich bestärkte ihn darin, beim Nächstliegenden zu beginnen, denn er hatte in seinem Umfeld einige "Pflege-Fälle" erlebt. Mit Staunen nahm ich dann wahr, mit welcher Konsequenz Markus Breitscheidel die Sache anging. Von heute auf morgen gab er seinen Job auf (sein Chef ist übrigens ausgesprochen angenehm, ich bin weiterhin mit ihm befreundet) und widmete sich der selbst gestellten Aufgabe. Er folgte dabei weniger einem journalistischen Enthüllungsimpuls, sondern es ging um soziales Engagement. Früher nannte man so etwas Nächstenliebe.
Die Grausamkeiten, die Breitscheidel in seinem Buch beschreibt, sind mitunter kaum zu fassen. Wie repräsentativ sind nach Ihrer Einschätzung seine Erfahrungen? Und was, glauben Sie, kann ein Buch wie dieses bewirken?
Leider sind die Ergebnisse nur allzu repräsentativ. Er hat die Orte, an denen er arbeitete, nach dem Zufallsprinzip ausgewählt, hat sich einfach dort beworben, wo eine Stelle frei war. Er hatte praktisch kein Vorwissen über diese "Branche". Mittlerweile bestätigen viele, die seit Jahren und Jahrzehnten in diesem Bereich arbeiten, auch öffentlich seine Befunde. Im Moment werden dem Autor zahlreiche Schilderungen übermittelt, die das von ihm Beschriebene in negativer Hinsicht noch übertreffen. Der positive Einzelfall aus Berlin, mit dem das Buch endet, ist schon fast eine Gefahr, denn er dokumentiert eine absolute Ausnahme, die nur einem außergewöhnlich engagierten Heimleiter zu verdanken ist.
Was die Wirkung des Buches angeht, so kann man sagen: Es tut sich bereits etwas. Es gibt Politiker, die ihren Willen bekundet haben, sich für effektive Kontrollen und ein neues System der Qualitätsprüfung einzusetzen. Jetzt heißt es - gerade auch für Markus Breitscheidel: Dranbleiben!
Im Falle von "Abgezockt und totgepflegt" haben die Medien sehr gut reagiert, es gab gute Besprechungen und sehr differenziert geführte Interviews mit dem Autor, etwa im Berliner "Tagesspiegel". Jetzt kommt es darauf an, sich mit den richtigen Leuten in der Politik und in den Verbänden und Organisationen zusammenzutun, um echte Verbesserungen zu erreichen. Vielleicht muss man auch weitere Veröffentlichungen nachlegen, das Thema wach halten, wie ich es damals bei meiner BILD-Trilogie getan habe. Markus Breitscheidel hat bei seinen Recherchen übrigens auch Video-Aufnahmen gemacht, um die herum gerade eine halbstündige Sendung produziert wird.
Wie würden Sie ganz allgemein das Ziel Ihrer Arbeit definieren?
Ich will Missstände, die verdrängt werden oder gar nicht bekannt sind, öffentlich machen und so dazu beitragen, dass hier so etwas wie ein gesellschaftliches Gewissen entsteht. Die Recherche ist harte Arbeit, das Schreiben selbst ist dann gar nicht mehr so zehrend. Aber die schwierigste Aufgabe besteht letztlich darin, aus dem momentanen Effekt eines Buches oder einer Reportage eine langfristige Wirkung zu erzeugen. Es gibt immer Lobbyisten, die mit aller Macht ihre Interessen zu wahren versuchen und Veränderungen verhindern wollen. Im Fall von Markus Breitscheidels Buch sind es die Heimbetreiber, die ihre ökonomischen Interessen durch seine Arbeit massiv beeinträchtigt sehen. Um da durchzudringen, muss man schon enormen Druck aufbauen.
Ihre "BILD-Trilogie" und "Ganz unten" sind Klassiker der so genannten Rollenreportage. Zwangsläufig mussten Sie viele Anfeindungen einstecken. Wie haben die Reaktionen auf Ihre Veröffentlichungen Sie geprägt? Welche neuen Erkenntnisse haben Sie aus dieser Resonanz gewonnen?
Ich habe sicherlich meine Menschenkenntnis enorm erweitert. Aber ich bin durch den - man muss ihn so nennen - Vernichtungswillen, mit dem mich einige Mächtige gehetzt haben, nicht vorsichtiger oder misstrauischer geworden. Im Gegenteil: Ich wurde offener, und zwar vor allem, weil ich in der unmittelbaren Begegnung mit Menschen sehr viel Vertrauen und Ehrlichkeit erlebt habe. Das ging so weit, dass sich mir selbst Detektive, die als Spitzel auf mich angesetzt waren, anvertrauten und sagten: "Diesen Job mache ich nicht weiter, Sie sind ja überhaupt nicht das Monster, als das Sie mein Auftraggeber dargestellt hat."
Sicherlich ist das Feindbild vom Unruhestifter und Stänkerer Wallraff bei vielen eingerastet. Und ich muss sagen: Auf manchen Feindschaften bestehe ich auch. Wenn mich BILD eines Tages loben sollte, müsste ich mich doch fragen, ob mit mir noch alles in Ordnung ist.
Bei jedem "Einsatz" mussten Sie eine ungefähre Vorstellung von dem gehabt haben, was Sie erwartet. In der Sprache der Wissenschaft: Im welchem Maße ist Ihre Arbeit ergebnisoffen?
Es kam eigentlich immer anders, als ich erwartet hatte: mal schlimmer schlimm, mal weniger schlimm, mal anders schlimm. Die ursprünglichen Klischees wurden schnell durch ein differenzierteres Bild der Wirklichkeit ersetzt. Meine Methode der "teilnehmenden Beobachtung" ist ja wissenschaftlich durchaus anerkannt. In der Regel habe ich mich zu Beginn immer passiv verhalten, um möglichst ungestört beobachten zu können. Später habe ich dann durchaus auch provoziert.
Vieles von dem, was ich recherchiert habe, konnte ich, obwohl es der Wahrheit entsprach, nicht veröffentlichen. Schreiben konnte ich nur, was ich durch Dokumente oder Zeugenaussagen zweifelsfrei belegen konnte. Diese Methode hat sich bewährt, denn meine zahlreichen Gerichtsverfahren habe ich letztlich immer gewonnen.
Ihr Gesicht und Ihr Name sind schon zu bekannt, um noch einmal verdeckt zu recherchieren...
Das stimmt nicht! Das hat schon Heinrich Böll gesagt und damit seine Forderung nach "vielen Wallraffs" begründet. Ich habe, wie mir einmal ein Verfassungsschutzpräsident attestierte, ein "schwer zu observierendes Allerweltsgesicht", außerdem einen guten Maskenbildner. Mittlerweile bin ich nach überstandener Krankheit auch körperlich wieder fit genug, um in eine neue Rolle zu schlüpfen. Ich habe es vor kurzem auch noch mal auf dem Bau versucht, bin aber überall abgelehnt worden. Allerdings nicht, weil ich Günter Wallraff, sondern weil ich älter als 40 bin.
Gegen die "vielen Wallraffs", von denen Böll sprach, habe ich aber trotzdem überhaupt nichts einzuwenden, im Gegenteil: Ich freue mich über jeden Mitstreiter. Vor kurzem war z.B. ein chinesischer Kollege bei mir, der mit seinen Recherchen einiges riskiert und nur deshalb bisher verschont wurde, weil einer seiner Vorfahren ein berühmter General war. Auch in Schweden, Ungarn und Frankreich gibt es Nachfolger.
Womit beschäftigen Sie sich aktuell?
Zum einem schreibe ich an meiner Autobiografie. Eigentlich wünsche ich mir eine Veröffentlichung erst nach meinem Tode, aber ich befürchte, da wird sich mein Verleger durchsetzen, der sie natürlich früher herausbringen möchte. Außerdem arbeite ich an mehreren weiteren Themen. Ende Oktober begebe ich mich auf eine Tschetschenien-Reise, deren Ziel es ist, eine Friedensinitiative im Kleinen umzusetzen. Auch bin ich regelmäßig in Brasilien, u.a. als Gast eines Volkes im Amazonas-Gebiet. Hier geht es um die Vernichtung von Tropenholz und die dahinter stehenden Interessen. Immer wieder biete ich auch Kollegen Schutz. Salman Rushdie war zwei Mal bei mir. Ein halbes Jahr lang habe ich Selim Cürükkaya versteckt, den Autor von "PKK. Die Diktatur des Abdullah Öcalan". Alles Menschen, die wie ich meist zwischen den Stühlen sitzen - was übrigens sehr gut fürs Rückgrat sein soll.
Sie haben die Entwicklung der Bundesrepublik und des wiedervereinigten Deutschland über lange Zeit verfolgt und begleitet. Was hat sich Ihrer Einschätzung nach in den letzten Jahrzehnten verändert?
Einerseits sind, dank der 68er, Freiräume geschaffen worden, die es unter der Dunstglocke der Nachkriegszeit nicht gab. Frauenrechte, Rechte der Kinder, offenerer Umgang mit Sexualität: All das ist sicher eine Bereicherung.
Andererseits haben sich gerade in den letzten Jahren die Arbeitsbedingungen wieder deutlich verschlechtert. Arbeitgeber können sich oft alles Mögliche erlauben, weil die Menschen von der Angst um ihren Arbeitsplatz paralysiert sind. Mobbing ist an der Tagesordnung. Wir bewegen uns vielerorts wieder in Richtung frühkapitalistischer Zustände. Wer Erfolg hat, hat Recht. Offensichtlich haben einige Richtung und Sinn gebende Werte ihre bindende Kraft verloren. Orientierungslosigkeit und Beliebigkeit prägen das Bild. Das konnte man übrigens auch jüngst während des Kirchentages in Köln beobachten. Scharen junger Menschen, voller Lebensfreude und durchdrungen von der Bereitschaft zu mitmenschlichem Engagement, bejubeln einen Papst, der eine entsinnlichte Weltanschauung predigt, die ihnen gar nicht entspricht. Warum? Weil sie glauben, bei ihm Halt und Orientierung zu finden.
© Henrik Flor und Roland Große Holtforth, Literaturtest
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