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Simon Beckett
Leichenblässe
Wunderlich
Interview mit Simon Beckett
In "Leichenblässe" erholt sich David Hunter zunächst von den Verletzungen, die er sich bei seinem letzten Abenteuer zugezogen hat. Um sich auszukurieren, reist er zur legendären Body Farm in Tennessee, dorthin also, wo die Verwesung von Leichen in einem Freilandversuch beobachtet wird. Man könnte meinen, dass das nicht so ganz der geeignete Ort ist, um sich zu erholen...
Vielleicht nicht für die meisten Menschen, aber Hunter wurde hier ja zu Beginn seiner Karriere ausgebildet. Er kehrt also in eine Umgebung zurück, die ihm sehr vertraut ist. Für ihn ist die Body Farm ein Ort, an dem er seine forensischen Kenntnisse auf den neuesten Stand bringen kann, während er seine Verletzungen auskuriert. Hier kann er sich auf die nächsten Fälle vorbereiten. Aber natürlich geht sein Plan nicht auf...
Draußen in den Bergen findet sich dann ein ganz realer Tatort. Dort wurde jemand brutal gefoltert und ermordet. Sie sind ja dafür bekannt, dass am Ende Ihrer Geschichten eine große Überraschung wartet. Führen Sie auch hier wieder die Leser auf eine falsche Fährte?
Das hoffe ich doch! Dies ist ja schon der dritte Hunter-Roman, und ich glaube, dass die Leser schon auf Überraschungen gefasst sind - was es mir nicht unbedingt leichter macht. Damit plötzliche Wendungen in der Handlung funktionieren, müssen sie sich natürlich aus der Geschichte entwickeln. Man kann sie nicht erzwingen.
Das große Thema in "Kalte Asche" war Feuer. Gibt es in "Leichenblässe" ein ähnlich wichtiges Motiv?
Nicht in dem gleichen Sinne wie in "Kalte Asche". In "Leichenblässe" geht es unausweichlich auch um viel Forensik, da ja ein Großteil des Buches auf der Body Farm spielt. Aber auch die psychologische Komponente ist sehr stark: Hunter ist sich zu Beginn der Geschichte sehr stark seiner eigenen Sterblichkeit bewusst - das ist eines der Themen des Buches. Und es beschäftigt übrigens auch den Killer. Ich kann hier aber gar nicht mehr erzählen, ohne zu viel von der Handlung zu verraten.
Waren Sie selbst auch schon auf der legendären Body Farm? Wie kann man sich diese vorstellen?
Ja, ich war vor ein paar Jahren dort, um einen Artikel für ein Magazin zu schreiben. Es ist eine sehr ernste, nüchterne Umgebung, und es bereitet dich nichts darauf vor, dass, wenn du durch das Eingangstor gegangen bist, du überall Leichen herumliegen siehst. Aber dieser grauenhafte Anblick sollte einen nicht davon ablenken, dass hier eine ganz wichtige Arbeit geleistet wird, die am Ende dabei hilft, Mörder zu ermitteln. Lange Zeit war dies weltweit der einzige Ort, an dem diese Art der Forschung stattfindet. Inzwischen gibt es in den USA zwei weitere Body Farms. Ich glaube, es ist nur eine Frage der Zeit, bis es in Europa eine ähnliche Einrichtung geben wird.
Welche Eigenschaften braucht man eigentlich, um Forensiker zu werden? Haben die Leute, die auf der Body Farm arbeiten, Ähnlichkeit mit David Hunter?
Die forensischen Anthropologen, die ich kennengelernt habe, arbeiten sehr konzentriert und haben einen erstaunlichen Wissensdurst. Sie betrachten eine Untersuchung als Puzzle, das man zusammensetzen muss. In dieser Hinsicht sind sie also Hunter sehr ähnlich. Viele von ihnen können sich innerlich gut von ihrer Arbeit distanzieren. Das ist etwas, was Hunter nicht mehr beherrscht. Sein Problem - oder seine Stärke, je nach Perspektive - ist, dass er sich vollkommen von der Arbeit vereinnahmen lässt. Ich habe aber auch Forensiker getroffen, die von Fällen erzählt haben, die sie sehr stark berührt haben. So gesehen, ist Hunter also nicht allein. Ansonsten gehört zur Qualifikation eines Forensikers vor allem ein robuster Magen.
Was brachte Sie dazu, einen Helden wie Hunter zu erfinden?
Ich habe mich schon immer für Psychologie interessiert, was man wohl auch meinen Büchern anmerkt. Mit Hunter konnte ich einen komplexen Charakter mit Stärken und Schwächen entwickeln - einen Charakter, der kein typischer Held ist. Er ist kein Macho, prügelt sich nicht, und wenn er es täte, würde er wahrscheinlich verlieren. Er ist menschlich, er hat Zweifel, macht Fehler, so wie jeder von uns. Das finde ich als Autor viel spannender als einen Superman, der immer das Richtige tut.
Menschen entwickeln sich im Laufe ihres Lebens. In welche Richtung verändert sich David Hunter?
Hunter kämpft immer mit seinen Dämonen und versucht, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Er ist hin und her gerissen zwischen dem, was er als Wissenschaftler auf der Grundlage harter Fakten erkennt, und dem, was ihm sein Instinkt sagt. Da findet ein ständiger Kampf in ihm statt bei dem Versuch, seine inneren Stimmen miteinander zu versöhnen. Ein anderes Problem ist es, die richtige Balance zwischen der Arbeit und dem Privatleben zu finden. Diese beiden Konflikte entwickeln sich in David Hunter weiter. Wie vermutlich die meisten anderen glaube auch ich nicht, dass Hunter diese Themen irgendwann ad acta legen wird.
Wie geht es Hunter nach diesem neuen Fall? Braucht er eine Pause oder denkt er schon an den nächsten Fall?
Hunter kann schlecht zwischen Beruflichem und Privatem trennen, egal wie kaputt er körperlich oder seelisch sein mag. In "Die Chemie des Todes" versuchte er, vor sich selbst davon zu laufen, was nicht funktioniert hat. Für mich ist er nicht der Typus, der sich einfach zur Ruhe setzt. Ich glaube, man kann relativ sicher sein, dass früher oder später der nächste Job auf ihn wartet, um den er sich einfach kümmern muss - ob er nun will oder nicht...
© Henrik Flor , Literaturtest
im Auftrag von Weltbild
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