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Cecelia Ahern
Ich hab dich im Gefühl
Krüger
Interview mit Cecelia Ahern
"Ich hab dich im Gefühl" haben Sie Ihren Großeltern gewidmet. Warum gerade diesen Roman?
In ihm geht es im Grunde um das Erinnern: das Erinnern der Vergangenheit, der Menschen, die dir begegneten. Es geht auch darum zu erkennen, wie sie dein Leben beeinflusst haben. Und es geht um ein Dankeschön an diese Leute dafür, dass sie da waren und so wundervolle Erinnerungen hinterlassen haben.
Mir war von Anfang an klar, dass ich diese Geschichte meinen Großeltern widmen würde. Neben der Liebesgeschichte von Justin und Joyce dreht sich "Ich hab dich im Gefühl" ja auch um die Beziehung zwischen Joyce und ihrem Vater. Wir sehen hier, wie sie eine ganz neue Beziehung aufbauen und an ihr arbeiten - zu einer Zeit, als beide eine ganz neue Lebensphase beginnen. Joyce, die gerade eine Scheidung hinter sich hat und eine schwierige Zeit durchmacht, lernt ihren Vater noch einmal neu kennen. Sie merkt auf einmal, wie viel Zeit vergangen ist und wie sehr sich der junge, agile Vater aus ihren Erinnerungen inzwischen verändert hat. Letztlich spielt das Alter aber keine Rolle: Henry wird einfach immer ihr Vater bleiben - dieser wundervolle Mensch, der sie mit viel Humor und Liebe begleitet.
Zusammen erinnern sie sich an Joyce' Mutter und erwecken sie durch das Erinnern wieder zum Leben. Ich finde es ganz wichtig, genau dies mit Menschen zu machen, die man verloren hat. Und so ist es nur konsequent, dass ich das Buch meinen Großeltern, die bereits verstorben sind, widme - sie alle haben mir so viel gegeben.
Joyce erlebt das Schlimmste, was eine Mutter erleben kann, und verliert ihr Baby. Gibt es überhaupt irgendetwas, das ihr über den Schmerz hinweghelfen kann?
Joyce zieht sich aus dem Leben zurück. Ihre Ehe ist gescheitert, ihr Baby hat sie verloren. Ihre Freunde versuchen sie zu unterstützen, aber sie will sich eigentlich nur zusammen mit ihrem Vater in einen Kokon einspinnen und die Erinnerung an die Tragödie zur Seite schieben. Eine Menge von dem, was mit ihr und Justin passiert, hat mit dem Verdrängen ihres Traumas zu tun.
Nach dem Unfall bei ihr zu Hause, durch den sie ihr ungeborenes Kind verliert, wird sie ins Krankenhaus gefahren und erhält eine Bluttransfusion. Als sie am nächsten Tag aufwacht, fühlt sie sich plötzlich anders. Immer stärker spürt sie die Empfindungen von jemand anderem, seine Erinnerungen, das, was er schmeckt, seine Wünsche. Sie kann auf einmal diverse Sprachen sprechen, sie kennt die Kunst- und Kulturgeschichte der ganzen Welt und fühlt sich einem Mann verbunden, den sie noch nie getroffen hat.
Die Suche nach dem Menschen, der ihr das Leben gerettet hat, lenkt sie von der eigentlichen Tragödie ab. Dieses plötzliche Wissen und all die neuen Erinnerungen, über die sie nun verfügt, bedeuten für sie eine neue Freiheit; sie erlebt ganz neue Dinge - und das zu einer Zeit, als sie mit ihrem alten Leben schon abgeschlossen hatte. Was ihr noch hilft bei der Überwindung der Krise: ihre Freunde, die Zeit und diese wundervolle Beziehung zu ihrem Vater, mit dem sie ein unglaubliches Abenteuer erlebt, auf der Suche nach dem Menschen, der ihr das Leben rettete.
Die neuen Erinnerungen füllen eine Leere, die Joyce in sich spürte. Die neuen Leidenschaften und Wünsche, der Geschmack unbekannter Gerichte und Weine tragen sie in eine neue Welt und nehmen ihr etwas von ihrer Traurigkeit und Verzweiflung.
Joyce und Justin sind ein sehr ungewöhnliches Paar. Sie sahen sich nur einmal kurz und schon scheinen sie das Gleiche zu fühlen. Was genau passiert da?
Die Idee zu dem Buch kam mir, als ich im Fernsehen die Bilder einer Blutspende sah, die gerade jemandem injiziert wurde. Es war ein Werbespot, der von den sechs Trenn- und Reinigungsverfahren berichtete, die gespendetes Buch durchläuft. Da kam mir plötzlich der Gedanke, dass wir heute auf ganz unterschiedliche Art und Weise mit anderen Menschen verbunden sind. Ich fragte mich, wie viel wir von uns selbst geben, wenn wir Blut spenden - wie viel von uns und dem, was uns ausmacht, in unserem Blut enthalten ist.
Ich war von der Idee fasziniert zu untersuchen, wie etwas, das von unserem Herzen durch den Körper gepumpt wird und uns am Leben erhält, vielleicht ja auch unsere Wünsche, unsere Leidenschaften und Erinnerungen transportiert und alles andere, was uns ausmacht.
Dann hatte ich die Idee von der Liebesgeschichte zwischen Justin und Joyce. Nur zwei Tage später sah ich eine Dokumentation im Fernsehen über Menschen, die eine Herztransplantation erhalten haben und die davon berichteten, plötzlich Charaktereigenschaften der Organspender zu spüren. Es gab also bereits diese Hinweise darauf, dass Menschen dieselben Erinnerungen und Eigenschaften teilen, und ich wusste sofort, dass ich darüber ein Buch schreiben muss.
Joyce bekommt diese Blutspende, die von Justin stammt - es war übrigens das Erste seit langer Zeit, das bei ihm von Herzen kam. Sie hat dann plötzlich dieses Wissen über Dinge, die sie vorher nicht kannte, die Erinnerungen eines anderen Menschen. Sie fühlt sich dem Menschen, der ihr das Leben rettete, auf ganz besondere Weise verbunden. Justin auf der anderen Seite spürt, dass ihm etwas fehlt und dass dieser Teil nun im Körper eines anderen Menschen steckt; er will sich wieder komplett fühlen. Deshalb muss er diese Person finden, die sein Blut erhielt.
Justin ist eine wunderbar originelle Figur: ein Zweifler, ziemlich neurotisch, gleichzeitig sehr sarkastisch und analytisch. Wie kamen Sie auf die Idee, diesen Charakter mit Leben zu füllen?
Ich liebte diesen Charakter von dem Moment an, als er mir das erste Mal durch den Kopf spukte. Ich wusste in etwa, was für ein Mensch Joyce sein würde, und wollte jemanden an ihrer Seite, der ganz anders ist. Er sollte bewandert sein in Kunstgeschichte und Architektur, fließend mehrere Sprachen sprechen, weit gereist sein - also all das sein, was Joyce nicht war. In dem Moment, wo sie über sein Wissen und seine Erinnerungen verfügt, sollte Joyce nicht mehr wiederzuerkennen sein, ihre Situation sollte sogar komische Züge bekommen. In einer solch tragischen Geschichte liebe ich es, Witziges und Trauriges zu vermischen. Mir ist es sehr wichtig, dass beides in Balance ist.
Ich liebe Justins Charakter einfach! Er sucht ebenso sehr wie Joyce nach Antworten. Er ist frisch geschieden, ist nach London gezogen, um dort als Kurator in der National Gallery zu arbeiten, in Wirklichkeit aber vor allem deshalb, weil er in der Nähe seiner Tochter sein will. Er ist einsam, auf der Suche und versucht, seine Wunden langsam heilen zu lassen. Er und Joyce erleben ähnliche Dinge und werden durch etwas bizarre, aber auch sehr schöne Umstände zueinander geführt.
Jenseits der tragischen Geschehnisse strahlt das Buch eine Menge Hoffnung und Freude aus...
Ich glaube, wenn Menschen tragische Dinge erleben, ist es ganz wichtig, dass sie neue Hoffnung schöpfen. Die Leser lernen Joyce und Justin zu einem Zeitpunkt kennen, da sie ganz unten angekommen sind. Sie tragen eine tiefe, finstere Traurigkeit in sich und glauben, dass sie keine Kraft mehr haben, um weiterzumachen. Ich fange die Figuren während dieses Fallens auf und lasse sie eine Reise beginnen, auf der sie sich selbst heilen und auch selbst entdecken. In all meinen Büchern versuche ich eine Art Balance herzustellen. Wo Dunkelheit herrscht, kann auch Licht scheinen, wo Trauer ist, kann das Glück zurückkehren, wo nichts als Verzweiflung bleibt, kann dennoch Hoffnung entstehen. Ich glaube, wenn wir durch die schwierigen Momente unseres Lebens gehen, können wir neue Kraft in uns selbst finden, auch wenn wir uns gar nicht mit unserem Inneren beschäftigen wollen. Hoffnung ist ein sehr wichtiger Teil meiner Geschichten ebenso wie die Fähigkeit, den Humor nicht zu verlieren. Ich versuche, meinen Helden Menschen zur Seite zu stellen, die ein Lächeln auf ihr Gesicht malen können - das können Joyce' Vater Henry und ihre Freunde Kate und Frankie ziemlich gut.
Ihre Fans werden sich freuen zu hören, dass Sie im Oktober nach Deutschland kommen wollen. Gibt es da etwas, worauf Sie sich besonders freuen?
Ich freue mich natürlich auf alle Veranstaltungen, die geplant sind. Es wird das erste Mal sein, dass ich auf der Frankfurter Buchmesse signieren werde. Ich freue mich darauf, schließlich ist es die größte Buchmesse weltweit, und es wird bestimmt aufregend werden. Ich freue mich aber auch darauf, neue Städte in Deutschland kennenzulernen und Menschen zu treffen, die dort immer so nett und herzlich sind. Ich werde ziemlich verwöhnt mit der Freundlichkeit der Leute in Deutschland. Es kommen so viele Leute zu den Veranstaltungen. Ich kann es immer gar nicht glauben, wenn ich all die Leute sehe, die in die Buchhandlungen kommen. Ein großes Dankeschön an all diejenigen, die zu meinen Lesungen gekommen sind, die meine Bücher lesen und mich unterstützt haben! Ohne euch alle hätte ich das alles nicht geschafft.
Sie bekommen sicherlich eine ganze Menge Fanpost. Was war das größte Kompliment, das Sie bislang bekommen haben?
Ich habe so viele Briefe von Menschen jeden Alters und beider Geschlechter bekommen! Besonders "P.S. Ich liebe Dich" hat bei Jung und Alt einen Nerv getroffen. So viele Menschen haben ihr Herz geöffnet und ihre Geschichten mit mir geteilt. Sie erzählten mir, dass "P.S. Ich liebe Dich" ihnen geholfen hat, ihre Trauer zu überwinden. Es kann sich keiner vorstellen, wie viel es mir bedeutet, so etwas zu hören. Ich bin glücklich, dass die Geschichten, die mir so viel Spaß beim Schreiben machen, die Leute nicht nur unterhalten, sondern ihnen auch in schwierigen Situationen helfen.
Der schönste Brief, den ich erhalten habe, kam von einer Frau, die gerade "Für immer vielleicht" gelesen hatte. Sie war schon immer in ihren besten Freund verliebt gewesen - genau wie bei Rosie und Alex. Nachdem sie das Buch gelesen hatte, fand sie endlich das Selbstvertrauen, ihm von ihren Gefühlen zu erzählen. Als sie mir schrieb, war sie schwanger mit ihrem gemeinsamen Kind und bereits verlobt - was für eine unglaubliche Geschichte!
Was "Ich hab dich im Gefühl" betrifft: Ich habe hier den Brief eines Paares bekommen, das sich tatsächlich beim Blutspenden, in einem Krankenhaus in Dublin, kennengelernt hat. Sie verliebten sich und haben im April geheiratet - in derselben Woche, in der mein Buch in Irland erschien. Ich liebe es, solche Geschichten anderer Menschen zu hören, sie geben mir so viel Zuspruch, Inspiration und Freude!
© Henrik Flor, Literaturtest
im Auftrag von Weltbild
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