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Ansicht Schinkels Bauakademie  

Peter Rumpf

Schinkels Bauakademie

Der Ort.
Das Gebäude.
Die Chronik. 

Die Umgebung und ihre Geschichte

Im Schinkelpavillon - wie das Sommerhaus, von Karl Friedrich Schinkel für Friedrich Wilhelm III. am Rand des Charlottenburger Schlossparks gebaut, heute heißt - hängen in einem Raum des Obergeschosses zwei angewinkelte Panoramabilder sich diagonal gegenüber. Eduard Gaertner hat sie gemalt. Sie zeigen, sehr detailverliebt, den Rundblick vom Dach der Friedrichswerderschen Kirche über das Berlin der Biedermeierzeit. Auf einem der vier Bildteile, das den Betrachter nach Osten schauen lässt, erscheint über der Balustrade des flachen Kirchendachs und den Dächern dreigeschossiger Wohnhäuser hinweg die Bauakademie - dahinter dann die Südostecke des Stadtschlosses und die Türme von Nikolai- und Parochialkirche. Die Bauakademie - oder Allgemeine Bauschule, wie sie damals hieß - sticht durch ihre rote Ziegelfassade, die quadratische Form des Baukörpers und ein nach innen flach abfallendes Dach aus der sie umgebenden Dachlandschaft heraus. Man sieht Reste eines Gerüstes; Handwerker setzen den letzten plastischen Bauschmuck über den dreigeteilten Fenstern ein.

Man schreibt das Jahr 1834, ein Jahr vor der Fertigstellung. An der linken Gebäudeecke zum Kupfergraben hin wird der Architekt der Bauakademie, Karl Friedrich Schinkel, seit fünf Jahren nun Direktor der Oberbaudeputation, seine Wohnung und sein neues Arbeitszimmer einrichten. Beim Blick aus dem Fenster sieht er eine Stadtlandschaft, die er weitestgehend selbst mit seinen Bauten geprägt hat: ganz im Norden, direkt am Kupfergraben gelegen, der Packhof, davor die Schlossbrücke mit den Brückenfiguren, weiter rechts der Lustgarten mit dem Alten Museum und dem Dom. Im Osten Schlüters bzw. Eosanders gewaltige Schlossfassade und zur entgegengesetzten Seite jene Friedrichswerdersche Kirche, auf deren Dach Eduard Gaertner stand, als er das Panorama malte. Die Bauakademie war im Stadtgefüge sozusagen Schinkels Schlussstein. Und sie war es auch im Lebenswerk des Architekten. Vier Jahre nach der Fertigstellung traten Lähmungserscheinungen in seiner linken Hand auf; dem folgten schon bald weitere Beschwerden. Am 9. Oktober 1841 starb Karl Friedrich Schinkel, in seiner Wohnung im zweiten Hauptgeschoss der Bauakademie, seinem Meisterwerk.

Das Grundstück dafür war sorgfältig von ihm ausgesucht, in städtebaulicher, aber auch in stadtgeschichtlicher Sicht. Bis 1662 nannte man die Gegend Werder, was nichts anderes meinte als Insel, dann Friedrichswerder. Es war zur Zeit des Großen Kurfürsten und dieses von Gräben durchzogene und umgebene Stück Land lag westlich vor seiner Residenzstadt, die sich damals noch aus den Teilen Cölln und Berlin zusammensetzte. Die wichtigsten Bauten hier am Wasser - Mühlen, Schleusen und Lagergebäude - lassen die Funktion als Hafen-, Handels- und Zollstelle erkennen. Der Stadtplan von Johan Gregor Memhardt aus dem Jahre 1652 zeigt die Lage zum Kurfürstlichen Schloss und seinen Gärten, zu Spree und Kupfergraben und zur breiten, mit Linden bepflanzten Allee in den Tiergarten.

Die brandenburgische Residenzstadt war im Vergleich mit anderen Städten ein Spätentwickler. Erst im 18. Jahrhundert erfuhr sie entscheidende Erweiterungen, vor allem in westlicher Richtung durch die Friedrichstadt und die Neustadt. Hier entstand auch, als einer von drei neuen Stadttorplätzen, das Carrée, später Pariser Platz, und als "via triumphalis" die Achse Unter den Linden. Damit war die barocke Struktur dieser Stadtfigur festgelegt. Der Friedrichswerder blieb davon nicht unberührt, weil er zur Schnittstelle geworden war zwischen dem historischen Berlin - wie die Doppelstadt nun hieß - und den sich schnell füllenden westlichen Erweiterungen. Außerdem bildete er das städtebauliche Scharnier zwischen zwei orthogonal zueinander gedrehten Richtungen. Und hier befanden sich die beiden wichtigen Verbindungen: die vom Werderschen Markt über die Schleusenbrücke und die von den Linden über die Hundsbrücke zum Lustgarten. Schon bald entstanden eine Reihe von repräsentativen Bauten: in der Neustadt das Königliche Opernhaus (1741-43), dahinter die Hedwigskirche (1747-73) und gegenüber die Bibliothek (1774-80), auf der anderen Seite der Linden das Palais des Prinzen Heinrich (1748-53). Auf dem Friedrichswerder stand bereits das Zeughaus (1695-1706) und östlich des Kupfergrabens folgte die Erweiterung der Kurfürstlichen Residenz zu einem gewaltigen Rechteck (ab 1699). Unmittelbar davor am Kupfergraben lag die Schlossfreiheit, eine bunte Reihe bürgerlicher Wohnbauten. Das alles entstand innerhalb eines knappen Jahrhunderts. Diese "Landschaft" war es, die Karl Friedrich Schinkel vorfand, um sie in einer neuen, eigenen Sicht und durch eigene Projekte fortzuschreiben.

Am 13. März 1781 in Neuruppin geboren, wurde - nach der Übersiedlung der Familie 13 Jahre später nach Berlin - diese Stadt zu seinem Lebensmittelpunkt. Neben der Lehre an der Allgemeinen Bauschule - damals noch mit Sitz in der "Münze" am Werderschen Markt - prägten ihn die Baumeister David Gilly und vor allem Sohn Friedrich, dann eine ausgedehnte Italienreise und später die lebenslange Freundschaft mit Christian Peter Beuth und ihre gemeinsame Reise nach England. Über den "Umweg" als Maler und Bühnendekorateur setzte Schinkel - nach kleineren Aufträgen für den preußischen König und Gönner Friedrich Wilhelm III. - 1818 mit seinem ersten größeren Bau, der Neuen Wache Unter den Linden, einen Maßstab, an dem sein weiteres Werk sowie das der Zeitgenossen und Nachfolger nun zu messen war. Es folgten - als seine wichtigsten Bauten in Berlin - das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt (1818-24), das Alte Museum am Lustgarten (1822-30) und die Friedrichswerdersche Kirche am Werderschen Markt (1825-28). Mit den beiden letztgenannten gelang es ihm, seiner schon erwähnten "Kupfergrabenlandschaft" zwei Bausteine hinzuzufügen.

Nun fehlte noch der Schlussstein. Dabei kam Schinkel ein eher wirtschaftlicher als städtebaulicher Umstand entgegen. Für die rasant angewachsene Bevölkerung der Stadt und die dadurch notwendig gewordene Versorgung mit Gütern auf dem Wasserwege erwies sich der alte Packhof auf dem Friedrichswerder als zu klein. Schinkel, schon 1815 zum Geheimen Oberbaurat ernannt und seitdem kontinuierlich mit der Planung der Innenstadt befasst, nutzte die Gelegenheit eines neuen Packhofs, um seine stadträumlichen Vorstellungen zu vollenden. Als Baugrundstück dafür schlug er das rechte Ufer des Kupfergrabens vor, kurz vor der Einmündung in die Spree (dort, wo heute das Bodemuseum steht). Und als Hauptbaukörper wählte er - neben einer Reihe niedrigerer Gebäude - einen Kubus. Auf dem durch die Verlegung frei gewordenen Grundstück auf dem Friedrichswerder errichtete er seine Bau-akademie, ebenfalls als Kubus. Beide Gebäude bildeten so die räumlichen Endpunkte einer Sichtachse, die sich senkrecht zur bereits vorhandenen Achse Unter den Linden entwickelte, und zwar an der Stelle, wo die Überquerung des Kupfergrabens den Blick entlang des Wassers lenkte. Nicht mehr ein durch Straßenfassaden und Hoferweiterungen definierter Stadtraum war sein Ziel, sondern eine aus spannungsreichen "Resträumen" zwischen blockhaften Solitären "wie zufällig" sich ergebende Landschaft.


Das Gebäude

Der Rohbau muss für die Zeitgenossen revolutionär ausgesehen haben. Alle Pfeiler waren bis zur Gesimshöhe hochgezogen und durch gemauerte Bögen und Eisenanker untereinander verbunden und gehalten. Danach erst folgte die Einwölbung der Deckenfelder mit flachen Kappen und die Aufmauerung der Felder zwischen den Fassadenpfeilern - wie bei einer modernen Skelettkonstruktion. Der Baukörper stand völlig frei, 46 Meter in jeder Richtung mit acht gleich breiten Achsen und - dem Lindenstatut folgend - mit einer Traufhöhe von 22 Metern. Die Bauleitung lag in den Händen des Kondukteurs Emil Flaminius. Baubeginn war der 1. April 1831, Fertigstellung des Rohbaus 1833. Wegen des in jeder Hinsicht schwierigen Geländes musste sich die Konstruktion erst setzen, bevor die großen dreiteiligen Fenster und die gegen Spannungen empfindlichen Terrakotta-Felder unter und über diesen Fenstern ein- gesetzt werden konnten. Am 1. April 1835, nach genau vier Jahren Bauzeit, wurde das Gebäude seiner Nutzung übergeben. Im selben Jahr übernahm Peter Joseph Lenné die Gestaltung des dreieckigen Platzes nördlich des Haupteingangs bis hin zur Schlossbrücke.

Es ist viel darüber geschrieben worden, wo die Vorbilder zu Schinkels Bauakademie zu suchen sind. Eine wichtige Rolle für die Konzeption des Bautypus und der Konstruktion spielte zweifellos die Reise Schinkels mit seinem Freund Beuth 1826 nach England und Wales. Skizzen belegen dies. Der Wahl des Fassadenmaterials - unverputzter Ziegel - geht u.a. auf Schinkels eingehendes Studium der Marienburg und des Klosters Chorin sowie auf die Bekanntschaft mit den oberitalienischen Städten Ferrara, Siena und Bologna 1803-1805.

"Der Bau ist in Backstein ausgeführt und bleibt in seinem Äußeren ohne Uebertünchung und Abputz. Das Material ist deshalb mit besonderer Sorgfalt bearbeitet worden, alle Gliede-rungen und Simswerke, alle Ornamente und Basreliefs, die hermenartigen Stützen in den breiten Fenstern und die von ihnen getragenen Bogenausfüllungen sind in gebrannter Erde auf das genaueste ausgeführt und in den Bau selbst erst jedes Mal dann eingetreten, wenn die rohe, aber sorgsam ausgeführte Construktion ihnen ihren Platz gesichert und jeden Druck des sich setzenden Mauerwerks von ihnen abgewiesen hatte. Durch die ganze Façade ist jedesmal in regelmäßiger Höhe von fünf Steinschichten eine Lagerschicht von glasürten Steinen in einer sanften, mit dem Ganzen harmonischen Farbe angeordnet, theils um die röthliche Farbe der Backsteine in der Masse etwas zu brechen, theils um durch diese horizontalen Linien, welche das Lagerhafte des ganzen Baues bezeichnen, eine architektonische Ruhe zu gewinnen."

Diese Beschreibung der Fassade stammt von Schinkel selbst, aus seiner "Sammlung architektonischer Entwürfe". Sie zeigt, wie wichtig ihm nicht nur die dekorative Wirkung war, sondern auch "die Akkuratesse in der Ausführung". Schinkel wusste: Sichtmauerwerk lässt keinerlei Nachlässigkeiten zu. Bis in die Fugenschnitte hinein waren detailliertes Entwerfen und verlässliches Handwerk gefragt - eine im damaligen Preußen keineswegs selbstverständlich Tugend. Und wem sollte das besser bekannt sein als ihm, dem Leiter der Oberbaudeputation?

Sein erster Ziegelbau "ohne Uebertünchung und Abputz" war die Bauakademie nicht. Schon bei den Seitenwänden der Neuen Wache und vor allem bei der Friedrichswerderschen Kirche arbeitete Schinkel mit dem Effekt des rohen Ziegels. Mit der Bauakademie jedoch erreichte die Kunst der subtilen Gliederung und der Farbnuancierung einen nicht nur auf Schinkels Werk bezogenen Höhepunkt, sondern stellte auch den Produktionsstätten (Ziegelmanufaktur Wentzel in Stolpe, später Königswusterhausen, und für die Terrakotten die Ber-liner Töpferei Cornelius Gormann) sowie der Handwerksausbildung ein hervorragendes Zeugnis aus.

Die Proportionen der Fassaden nehmen Bezug auf den Ort, indem sie die Spiegelung im Wasser bewusst miteinbeziehen. Schinkel selbst hat die Situation schon 1831, dem Jahr des Baubeginns, in einer "Ansicht der Bauschule von der Schlossbrücke" mit Feder und Pinsel zu Papier gebracht und die Doppelung der Seiten zu einem Quadrat bzw. die des gesamten Baukörpers zum Kubus mit gleicher Kantenlänge dargestellt. Dass die Fassaden zudem mehr sein sollten als eine vorgemauerte, schützende Haut, zeigte das "Programm" der Terrakotta-Tafeln. Es erzählte von dem, was im Inneren abgehandelt werden sollte: von der Baukunst. Damit nahm Schinkel ein im wahrsten Sinne naheliegendes Konzept auf, das schon bei der von Heinrich Gentz auf der Südseite des Werderschen Mark-tes gebauten Münze viel Beachtung fand. Dort hatte Johann Gottfried Schadow 30 Jahre zuvor den Baukörper mit einem umlaufenden Skulpturenfries geschmückt, auf dem Szenen die Gewinnung von Erz und die Herstellung von Münzen illustrieren sollten. Schinkels ikonografisches Programm wiederum bezog sich auf "verschiedene Momente aus der Entwicklungsgeschichte der Baukunst, aus den Zerstörungs-Perioden und aus den verschiedenen werktätigen Beschäftigungen" (Schinkel im 25. Heft seiner "Sammlung architektonischer Entwürfe").

Dass die Bauakademie als serieller Bau entworfen war und auch so gesehen werden sollte, wurde von der achtachsigen Fassade unterstrichen, die - ohne Betonung der Mitte - wie im Rapport an allen vier Seiten umlief und sich auch in ihrem Bildschmuck viermal wiederholte; allein die nördliche unterschied sich durch den Eingang. Zwei Portaltüren in den mittleren Feldern führten links in die Lehrräume der Bauschule im ersten Obergeschoss und rechts über ein gesondertes Treppenhaus zur zweiten Etage mit den Amtsstuben der Oberbaudeputation und zu Schinkels Wohnung. Die beiden zweiflügeligen Metalltüren waren mit je acht Köpfen berühmter Architekten - von Vitruv bis Schlüter - geschmückt, die Umrandungen bestanden aus Terrakotta-Reliefs, links zum Thema Architektur als Kunst, rechts zur Architektur als Wissenschaft und Technik.

Nutzungsgeschichte

Die Lebensdauer des "roten Kastens", wie dieses Gebäude später gern respektlos genannt wurde, betrug bis zu seinem Ende durch Abriss 127 Jahre. Aber nur in den ersten 49 davon diente das Haus den Zwecken, für die es entworfen und gebaut worden war. Das Programm dafür hatten der Architekt und Direktor der Oberbaudeputation, Karl Friedrich Schinkel, sowie der Vater der preußischen Gewerbeorganisation und Direktor der Allgemeinen Bauschule und Schinkels langjähriger Freund, Christian Peter Beuth, gemeinsam entwickelt und 1831 ihrem König und Vertrauten, Friedrich Wilhelm III., vorgelegt. Von Anfang an waren unterschiedliche Funktionen unter einem Dach vereint: im Erdgeschoss zwölf Läden, die an Interessenten versteigert wurden und zum Unterhalt des Gebäudes beizutragen hatten, außerdem zwei kleine Wohnungen für den Pförtner und den Kastellan; im 1. Obergeschoss der Zeichensaal, die Bibliothek und kleinere Hörsäle der Bauschule; im 2. Obergeschoss die Amtsstuben der Oberbaudeputation und die mit über 600 Quadratmetern nicht gerade kleine Wohnung der sechsköpfigen Familie Schinkel einschließlich des Architektenateliers. Im Dachgeschoss, das nur in den Außenbereichen Stehhöhe erreichte, fand das Archiv für die umfangreichen Akten der Oberbaudeputation seinen Platz. Das Gebäude besaß einen kleinen Innenhof und an der westlichen Seite eine Nebentreppe, die zusätzlich alle Etagen erschloss. Es verfügte über einen Keller mit Abstellräumen für die Läden und Platz für die Kanäle der Luftheizung. Wegen des schlechten Baugrunds war dieser von einer gemauerten Wanne umgeben.

Der äußerst unterschiedlichen Nutzung kam die Konstruktion des Gebäudes in Form eines "neutralen" Stützenrasters im 5,55 Meter Abstand ohne tragende Wände sehr entgegen. Und sie erlaubte es auch, dass sich die Nutzung im Verlauf der über hundertjährigen Geschichte problemlos mehrfach ändern konnte. Die Institution selbst war 1799 als "Allgemeine Bau-Unterrichtsanstalt für alle königlichen Provinzen" gegründet worden und verfolgte das Ziel, Architekten und Bauingenieure an zentraler Stelle auszubilden, um sie anschließend zu staatlichen Aufgaben in die preußischen Lande zu schicken. Der Name der Institution hat sich einige Male geändert, ihr Sitz ebenso, bis sie 1835 in Schinkels Gebäude zog, um dort bis zur Gründung der Königlichen Technischen Hochschule 1879 zu bleiben und sich dann mit dieser zu vereinigen. Die Oberbaudeputation hingegen war schon 1770 als oberste Kontrollbehörde für alle in Preußen staatlich finanzierte Bauvorhaben ins Leben gerufen worden. Schinkel stand ihr von 1830 bis zu seinem Tod vor.

Die Witwe blieb mit den Kindern in einem Teil der Wohnung, der andere Teil wurde Schinkelmuseum. 1848 zog die Oberbaudeputation aus, die Bauschule konnte sich erweitern, nach dem Tod von Susanne Schinkel 1861 auch in diese Räume hinein. Das Schinkelmuseum wanderte ins Erdgeschoss, als die Läden - nach einem Umbau des gesamten Gebäudes in den siebziger Jahren durch Richard Lucae - ausziehen mussten. Dabei wurde der Innenhof verkleinert und mit einem Glasdach geschlossen, die zentrale Treppe dorthin verlegt. 1884 verließen alle ursprünglichen Nutzer das Haus, die nachfolgenden Mieter waren: die Messbildanstalt, ein Teil der Bildnissammlung der Nationalgalerie, das Meteorologische Institut der Universität, das Auslandswissenschaftliche Institut, die Hochschule für politische Bildung, schließlich eine SS-Schulungsstätte. Im Februar 1945 brannte Schinkels einstige Bauakademie nach einem Bombenangriff aus.

Abriss und Wiederaufbau

Luftfotos der Royal Airforce zeigen die Folgen des Bombardements bei der Friedrichswerderschen Kirche und dem Stadtschloss. Dazwischen zu sehen ist das gleichseitige Viereck der Bauakademie. Dach und beide Geschossdecken waren eingestürzt, die Außenmauern aber stehen gebliebenen. Das war das "vorläufige" Ende von Schinkels letztem Werk, des wohl einzigen, bei dem er die Form und den Inhalt selbst entwerfen konnte. Es stellte die Summe all seiner Erfahrungen und Vorstellungen zur Erneuerung der Baukunst dar - wie es Jonas Geist in seinem kleinen, aber sehr erhellenden Fischer-Taschenbuch formuliert. Oder wie Axel Witte im Ausstellungskatalog "Mythos Bauakademie": "Bis heute gilt Schinkels Bauakademie als ästhetisch gelungene Verbindung von Tradition und Moderne, als geniale Umsetzung seiner theoretischen Überlegungen, als handwerkliches Musterstück und als Schlußstein der Schinkelschen Kupfergrabenlandschaft."

Nicht jeder hat es so positiv gesehen. Das rote, unverputzte Ziegelmauerwerk inmitten der traditionell verputzten Berliner Fassaden musste damals einen Bruch mit der Konvention darstellen. Zudem sollten hinter dieser provokanten Fassade junge Baumeister ausgebildet werden, um danach wiederum das Bild in anderen preußischen Orten mitzuprägen. Und wie zur Bestätigung geriet ein halbes Jahrhundert später der rote Klinker zum Inbegriff preußischer Anstaltsarchitektur, von den Bahnhöfen, Schulen, Kasernen bis hin zu den Gefängnissen.

Das war mit ein Grund, warum die junge sozialistische DDR - erklärtermaßen gegen alles Preußische - mit den baulichen Zeugen der bourgeoisen Vergangenheit ihre ideologischen Schwierigkeiten hatte. Deren prominentestes Opfer wurde schon bald das Stadtschloss. Um freie Bahn im Zentrum ihrer Hauptstadt für die Aufmärsche zum 1. Mai zu schaffen, musste die im Krieg keineswegs zerstörte Hohenzollernresidenz zugunsten einer allen Maßstab zerstörenden Platzfolge weichen: vom Alexanderplatz über den Rathausplatz bis zum Marx-Engels-Forum. Mit dem Verlust des mächtigen Schlossbaukörpers verlor auch Schinkels Bauakademie das korrespondierende Gegenüber - das allerdings schon ein halbes Jahrhundert früher gestört war durch das überdimensionierte Denkmal für Wilhelm I. zwischen Eosander-Portal und Spreekanal anstelle der historischen Schlossfreiheit. Auch dieses späte Zeugnis des Wilhelminismus räumte die DDR ab, wie den Großteil der die Bauakademie umgebenden Bebauung zwischen Werderschem Markt und den Linden. Schinkels "roter Kasten" aber war schon vor der Installierung der DDR enttrümmert und auf Befehl der Sowjetischen Militäradministration in die treuhänderische Verwaltung des Magistrats für Groß-Berlin übertragen worden.

Am 1. Januar 1951 gründet Walter Ulbricht die "Deutsche Bauakademie" neu und ernannte Kurt Liebknecht zu ihrem ersten Präsidenten. Damit sollte Schinkels Bauschule ihre ursprüngliche Nutzung zurückerhalten. Die Sanierung schien gesichert, das Jahr 1955 als Fertigstellungstermin bestimmt. Am 21. November 1953 war Richtfest. Doch dann kam der Innerausbau zum Erliegen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer mag die Neuausrichtung einer Bauakademie auf den flächendeckenden staatlichen Wohnungsbau mittels industrieller Vorfertigung (Platte) und damit einhergehend die organisatorische und personelle Ausweitung gewesen sein. Schinkels Räume waren dafür viel zu klein. Ein anderer, eher inoffizieller Grund ist im Umzug des Zentralkomitees der SED in die ehemalige Reichsbank zu suchen, denn damit geriet das Gebäude der Bauakademie in den Sicherheitsradius der staatlichen Spitze. Ein dritter Grund für das plötzliche Desinteresse findet sich im gewandelten Darstellungswillen der DDR und ihrer Hauptstadt, wie er 1958 im Ideenwettbewerb zur "Sozialistischen Umgestaltung des Stadtzentrums" sichtbar wurde. Obwohl den Teilnehmern die Erhaltung der Bauakademie freigestellt war und die Hälfte von ihnen dies auch vorsah, neigte die politische Führung zum Abriss. Nicht zuletzt auch, um mit einem neuen "Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten" dem politischen Selbstwertgefühl Rechnung zu tragen und dem Marx-Engels-Forum einen westlichen Abschluss zu geben. Die Bauakademie stand im Wege. Unter dem 13. März 1961 ist im Protokoll des "Leitungskollektivs zum Aufbau des Stadtzentrums" festgehalten: "Die ehemalige Bauakademie von Schinkel wird abgebrochen. Die wertvollen Teile sind zu bergen mit dem Ziel, das Gebäude zu einem späteren Zeitpunkt auf dem Gelände Französische Straße/Ecke Kurstraße wieder aufzubauen." Der Abbruch begann noch im selben Jahr.

Es fehlte keineswegs an vorangegangenen Protesten: aus West zum Beispiel von Ulrich Conrads in der Bauwelt vom 19. Februar 1960 und von Goerd Peschken mit seinem "Aufruf zur Rettung", aus Ost vor allem von Bruno Flierl in einem Gutachten des Instituts für Theorie und Geschichte vom 30. März 1960. Wie man weiß ohne Erfolg. 1962 waren die letzten Reste abgetragen. Eine Wiedererrichtung an anderer Stelle wurde damals ernstlich nie erwogen. Teile des Fassadenschmucks, wie die Terrakotten und die Eingangstüren, blieben erhalten. Die rechte Tür fand 1972 eine despektierliche Zweitverwertung als Zugang zur "Schinkelklause", einer DDR-Schöpfung mit Gaststätte an der Oberwallstraße.

1989 fiel die Mauer und mit ihr die DDR. Infolge allseitiger Umgestaltungen auf allen politischen, gesellschaftlichen wie städtebaulichen Feldern kam es auch im Umkreis der verschwundenen Bauakademie zu neuen Situationen. Das DDR-Außenministerium wurde 1995 abgerissen und damit das Grundstück der Bauakademie wieder frei. Der Palast der Republik, der ab 1976 die östliche Hälfte des ehemaligen Schlossareals besetzt hielt, ist inzwischen von Asbest gereinigt und harrt seinem Schicksal, dem Abbruch, entgegen, um einem "neuen" Schloss Platz zu machen. Die Friedrichswerdersche Kirche ist renoviert und beherbergt ein Schinkelmuseum. Auf der anderen Seite der Werderstraße, gegenüber des Kirchenportals, schließt der Neubauteil des Auswärtigen Amtes die Lücke zwischen der ehemaligen Reichsbank und der Werderstraße an der Schleusenbrücke. Und seit einem Jahr erhebt sich an alter Stelle eine naturgetreue, sorgfältig gemauerte Replik der nordöstlichen Ecke von Schinkels Bauakademie, 22 Meter hoch und eine Achse in jeder Richtung breit - auch als Aufforderung zum "Weiterbauen" des gesamten Gebäudes. Dann wäre der Verlust eines der Hauptwerke dieses gro-ßen Baumeisters - so gut es geht - behoben und ein wichtiger "Stein" seiner Kupfergrabenlandschaft zurückgegeben. 

Das Gebäude

Der Rohbau muss für die Zeitgenossen revolutionär ausgesehen haben. Alle Pfeiler waren bis zur Gesimshöhe hochgezogen und durch gemauerte Bögen und Eisenanker untereinander verbunden und gehalten. Danach erst folgte die Einwölbung der Deckenfelder mit flachen Kappen und die Aufmauerung der Felder zwischen den Fassadenpfeilern - wie bei einer modernen Skelettkonstruktion. Der Baukörper stand völlig frei, 46 Meter in jeder Richtung mit acht gleich breiten Achsen und - dem Lindenstatut folgend - mit einer Traufhöhe von 22 Metern. Die Bauleitung lag in den Händen des Kondukteurs Emil Flaminius. Baubeginn war der 1. April 1831, Fertigstellung des Rohbaus 1833. Wegen des in jeder Hinsicht schwierigen Geländes musste sich die Konstruktion erst setzen, bevor die großen dreiteiligen Fenster und die gegen Spannungen empfindlichen Terrakotta-Felder unter und über diesen Fenstern ein- gesetzt werden konnten. Am 1. April 1835, nach genau vier Jahren Bauzeit, wurde das Gebäude seiner Nutzung übergeben. Im selben Jahr übernahm Peter Joseph Lenné die Gestaltung des dreieckigen Platzes nördlich des Haupteingangs bis hin zur Schlossbrücke.

Es ist viel darüber geschrieben worden, wo die Vorbilder zu Schinkels Bauakademie zu suchen sind. Eine wichtige Rolle für die Konzeption des Bautypus und der Konstruktion spielte zweifellos die Reise Schinkels mit seinem Freund Beuth 1826 nach England und Wales. Skizzen belegen dies. Der Wahl des Fassadenmaterials - unverputzter Ziegel - geht u.a. auf Schinkels eingehendes Studium der Marienburg und des Klosters Chorin sowie auf die Bekanntschaft mit den oberitalienischen Städten Ferrara, Siena und Bologna 1803-1805.

"Der Bau ist in Backstein ausgeführt und bleibt in seinem Äußeren ohne Uebertünchung und Abputz. Das Material ist deshalb mit besonderer Sorgfalt bearbeitet worden, alle Gliede-rungen und Simswerke, alle Ornamente und Basreliefs, die hermenartigen Stützen in den breiten Fenstern und die von ihnen getragenen Bogenausfüllungen sind in gebrannter Erde auf das genaueste ausgeführt und in den Bau selbst erst jedes Mal dann eingetreten, wenn die rohe, aber sorgsam ausgeführte Construktion ihnen ihren Platz gesichert und jeden Druck des sich setzenden Mauerwerks von ihnen abgewiesen hatte. Durch die ganze Façade ist jedesmal in regelmäßiger Höhe von fünf Steinschichten eine Lagerschicht von glasürten Steinen in einer sanften, mit dem Ganzen harmonischen Farbe angeordnet, theils um die röthliche Farbe der Backsteine in der Masse etwas zu brechen, theils um durch diese horizontalen Linien, welche das Lagerhafte des ganzen Baues bezeichnen, eine architektonische Ruhe zu gewinnen."

Diese Beschreibung der Fassade stammt von Schinkel selbst, aus seiner "Sammlung architektonischer Entwürfe". Sie zeigt, wie wichtig ihm nicht nur die dekorative Wirkung war, sondern auch "die Akkuratesse in der Ausführung". Schinkel wusste: Sichtmauerwerk lässt keinerlei Nachlässigkeiten zu. Bis in die Fugenschnitte hinein waren detailliertes Entwerfen und verlässliches Handwerk gefragt - eine im damaligen Preußen keineswegs selbstverständlich Tugend. Und wem sollte das besser bekannt sein als ihm, dem Leiter der Oberbaudeputation?

Sein erster Ziegelbau "ohne Uebertünchung und Abputz" war die Bauakademie nicht. Schon bei den Seitenwänden der Neuen Wache und vor allem bei der Friedrichswerderschen Kirche arbeitete Schinkel mit dem Effekt des rohen Ziegels. Mit der Bauakademie jedoch erreichte die Kunst der subtilen Gliederung und der Farbnuancierung einen nicht nur auf Schinkels Werk bezogenen Höhepunkt, sondern stellte auch den Produktionsstätten (Ziegelmanufaktur Wentzel in Stolpe, später Königswusterhausen, und für die Terrakotten die Ber-liner Töpferei Cornelius Gormann) sowie der Handwerksausbildung ein hervorragendes Zeugnis aus.

Die Proportionen der Fassaden nehmen Bezug auf den Ort, indem sie die Spiegelung im Wasser bewusst miteinbeziehen. Schinkel selbst hat die Situation schon 1831, dem Jahr des Baubeginns, in einer "Ansicht der Bauschule von der Schlossbrücke" mit Feder und Pinsel zu Papier gebracht und die Doppelung der Seiten zu einem Quadrat bzw. die des gesamten Baukörpers zum Kubus mit gleicher Kantenlänge dargestellt. Dass die Fassaden zudem mehr sein sollten als eine vorgemauerte, schützende Haut, zeigte das "Programm" der Terrakotta-Tafeln. Es erzählte von dem, was im Inneren abgehandelt werden sollte: von der Baukunst. Damit nahm Schinkel ein im wahrsten Sinne naheliegendes Konzept auf, das schon bei der von Heinrich Gentz auf der Südseite des Werderschen Mark-tes gebauten Münze viel Beachtung fand. Dort hatte Johann Gottfried Schadow 30 Jahre zuvor den Baukörper mit einem umlaufenden Skulpturenfries geschmückt, auf dem Szenen die Gewinnung von Erz und die Herstellung von Münzen illustrieren sollten. Schinkels ikonografisches Programm wiederum bezog sich auf "verschiedene Momente aus der Entwicklungsgeschichte der Baukunst, aus den Zerstörungs-Perioden und aus den verschiedenen werktätigen Beschäftigungen" (Schinkel im 25. Heft seiner "Sammlung architektonischer Entwürfe").

Dass die Bauakademie als serieller Bau entworfen war und auch so gesehen werden sollte, wurde von der achtachsigen Fassade unterstrichen, die - ohne Betonung der Mitte - wie im Rapport an allen vier Seiten umlief und sich auch in ihrem Bildschmuck viermal wiederholte; allein die nördliche unterschied sich durch den Eingang. Zwei Portaltüren in den mittleren Feldern führten links in die Lehrräume der Bauschule im ersten Obergeschoss und rechts über ein gesondertes Treppenhaus zur zweiten Etage mit den Amtsstuben der Oberbaudeputation und zu Schinkels Wohnung. Die beiden zweiflügeligen Metalltüren waren mit je acht Köpfen berühmter Architekten - von Vitruv bis Schlüter - geschmückt, die Umrandungen bestanden aus Terrakotta-Reliefs, links zum Thema Architektur als Kunst, rechts zur Architektur als Wissenschaft und Technik.
 

Nutzungsgeschichte

Die Lebensdauer des "roten Kastens", wie dieses Gebäude später gern respektlos genannt wurde, betrug bis zu seinem Ende durch Abriss 127 Jahre. Aber nur in den ersten 49 davon diente das Haus den Zwecken, für die es entworfen und gebaut worden war. Das Programm dafür hatten der Architekt und Direktor der Oberbaudeputation, Karl Friedrich Schinkel, sowie der Vater der preußischen Gewerbeorganisation und Direktor der Allgemeinen Bauschule und Schinkels langjähriger Freund, Christian Peter Beuth, gemeinsam entwickelt und 1831 ihrem König und Vertrauten, Friedrich Wilhelm III., vorgelegt. Von Anfang an waren unterschiedliche Funktionen unter einem Dach vereint: im Erdgeschoss zwölf Läden, die an Interessenten versteigert wurden und zum Unterhalt des Gebäudes beizutragen hatten, außerdem zwei kleine Wohnungen für den Pförtner und den Kastellan; im 1. Obergeschoss der Zeichensaal, die Bibliothek und kleinere Hörsäle der Bauschule; im 2. Obergeschoss die Amtsstuben der Oberbaudeputation und die mit über 600 Quadratmetern nicht gerade kleine Wohnung der sechsköpfigen Familie Schinkel einschließlich des Architektenateliers. Im Dachgeschoss, das nur in den Außenbereichen Stehhöhe erreichte, fand das Archiv für die umfangreichen Akten der Oberbaudeputation seinen Platz. Das Gebäude besaß einen kleinen Innenhof und an der westlichen Seite eine Nebentreppe, die zusätzlich alle Etagen erschloss. Es verfügte über einen Keller mit Abstellräumen für die Läden und Platz für die Kanäle der Luftheizung. Wegen des schlechten Baugrunds war dieser von einer gemauerten Wanne umgeben.

Der äußerst unterschiedlichen Nutzung kam die Konstruktion des Gebäudes in Form eines "neutralen" Stützenrasters im 5,55 Meter Abstand ohne tragende Wände sehr entgegen. Und sie erlaubte es auch, dass sich die Nutzung im Verlauf der über hundertjährigen Geschichte problemlos mehrfach ändern konnte. Die Institution selbst war 1799 als "Allgemeine Bau-Unterrichtsanstalt für alle königlichen Provinzen" gegründet worden und verfolgte das Ziel, Architekten und Bauingenieure an zentraler Stelle auszubilden, um sie anschließend zu staatlichen Aufgaben in die preußischen Lande zu schicken. Der Name der Institution hat sich einige Male geändert, ihr Sitz ebenso, bis sie 1835 in Schinkels Gebäude zog, um dort bis zur Gründung der Königlichen Technischen Hochschule 1879 zu bleiben und sich dann mit dieser zu vereinigen. Die Oberbaudeputation hingegen war schon 1770 als oberste Kontrollbehörde für alle in Preußen staatlich finanzierte Bauvorhaben ins Leben gerufen worden. Schinkel stand ihr von 1830 bis zu seinem Tod vor.

Die Witwe blieb mit den Kindern in einem Teil der Wohnung, der andere Teil wurde Schinkelmuseum. 1848 zog die Oberbaudeputation aus, die Bauschule konnte sich erweitern, nach dem Tod von Susanne Schinkel 1861 auch in diese Räume hinein. Das Schinkelmuseum wanderte ins Erdgeschoss, als die Läden - nach einem Umbau des gesamten Gebäudes in den siebziger Jahren durch Richard Lucae - ausziehen mussten. Dabei wurde der Innenhof verkleinert und mit einem Glasdach geschlossen, die zentrale Treppe dorthin verlegt. 1884 verließen alle ursprünglichen Nutzer das Haus, die nachfolgenden Mieter waren: die Messbildanstalt, ein Teil der Bildnissammlung der Nationalgalerie, das Meteorologische Institut der Universität, das Auslandswissenschaftliche Institut, die Hochschule für politische Bildung, schließlich eine SS-Schulungsstätte. Im Februar 1945 brannte Schinkels einstige Bauakademie nach einem Bombenangriff aus.

Abriss und Wiederaufbau

Luftfotos der Royal Airforce zeigen die Folgen des Bombardements bei der Friedrichswerderschen Kirche und dem Stadtschloss. Dazwischen zu sehen ist das gleichseitige Viereck der Bauakademie. Dach und beide Geschossdecken waren eingestürzt, die Außenmauern aber stehen gebliebenen. Das war das "vorläufige" Ende von Schinkels letztem Werk, des wohl einzigen, bei dem er die Form und den Inhalt selbst entwerfen konnte. Es stellte die Summe all seiner Erfahrungen und Vorstellungen zur Erneuerung der Baukunst dar - wie es Jonas Geist in seinem kleinen, aber sehr erhellenden Fischer-Taschenbuch formuliert. Oder wie Axel Witte im Ausstellungskatalog "Mythos Bauakademie": "Bis heute gilt Schinkels Bauakademie als ästhetisch gelungene Verbindung von Tradition und Moderne, als geniale Umsetzung seiner theoretischen Überlegungen, als handwerkliches Musterstück und als Schlußstein der Schinkelschen Kupfergrabenlandschaft."

Nicht jeder hat es so positiv gesehen. Das rote, unverputzte Ziegelmauerwerk inmitten der traditionell verputzten Berliner Fassaden musste damals einen Bruch mit der Konvention darstellen. Zudem sollten hinter dieser provokanten Fassade junge Baumeister ausgebildet werden, um danach wiederum das Bild in anderen preußischen Orten mitzuprägen. Und wie zur Bestätigung geriet ein halbes Jahrhundert später der rote Klinker zum Inbegriff preußischer Anstaltsarchitektur, von den Bahnhöfen, Schulen, Kasernen bis hin zu den Gefängnissen.

Das war mit ein Grund, warum die junge sozialistische DDR - erklärtermaßen gegen alles Preußische - mit den baulichen Zeugen der bourgeoisen Vergangenheit ihre ideologischen Schwierigkeiten hatte. Deren prominentestes Opfer wurde schon bald das Stadtschloss. Um freie Bahn im Zentrum ihrer Hauptstadt für die Aufmärsche zum 1. Mai zu schaffen, musste die im Krieg keineswegs zerstörte Hohenzollernresidenz zugunsten einer allen Maßstab zerstörenden Platzfolge weichen: vom Alexanderplatz über den Rathausplatz bis zum Marx-Engels-Forum. Mit dem Verlust des mächtigen Schlossbaukörpers verlor auch Schinkels Bauakademie das korrespondierende Gegenüber - das allerdings schon ein halbes Jahrhundert früher gestört war durch das überdimensionierte Denkmal für Wilhelm I. zwischen Eosander-Portal und Spreekanal anstelle der historischen Schlossfreiheit. Auch dieses späte Zeugnis des Wilhelminismus räumte die DDR ab, wie den Großteil der die Bauakademie umgebenden Bebauung zwischen Werderschem Markt und den Linden. Schinkels "roter Kasten" aber war schon vor der Installierung der DDR enttrümmert und auf Befehl der Sowjetischen Militäradministration in die treuhänderische Verwaltung des Magistrats für Groß-Berlin übertragen worden.

Am 1. Januar 1951 gründet Walter Ulbricht die "Deutsche Bauakademie" neu und ernannte Kurt Liebknecht zu ihrem ersten Präsidenten. Damit sollte Schinkels Bauschule ihre ursprüngliche Nutzung zurückerhalten. Die Sanierung schien gesichert, das Jahr 1955 als Fertigstellungstermin bestimmt. Am 21. November 1953 war Richtfest. Doch dann kam der Innerausbau zum Erliegen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer mag die Neuausrichtung einer Bauakademie auf den flächendeckenden staatlichen Wohnungsbau mittels industrieller Vorfertigung (Platte) und damit einhergehend die organisatorische und personelle Ausweitung gewesen sein. Schinkels Räume waren dafür viel zu klein. Ein anderer, eher inoffizieller Grund ist im Umzug des Zentralkomitees der SED in die ehemalige Reichsbank zu suchen, denn damit geriet das Gebäude der Bauakademie in den Sicherheitsradius der staatlichen Spitze. Ein dritter Grund für das plötzliche Desinteresse findet sich im gewandelten Darstellungswillen der DDR und ihrer Hauptstadt, wie er 1958 im Ideenwettbewerb zur "Sozialistischen Umgestaltung des Stadtzentrums" sichtbar wurde. Obwohl den Teilnehmern die Erhaltung der Bauakademie freigestellt war und die Hälfte von ihnen dies auch vorsah, neigte die politische Führung zum Abriss. Nicht zuletzt auch, um mit einem neuen "Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten" dem politischen Selbstwertgefühl Rechnung zu tragen und dem Marx-Engels-Forum einen westlichen Abschluss zu geben. Die Bauakademie stand im Wege. Unter dem 13. März 1961 ist im Protokoll des "Leitungskollektivs zum Aufbau des Stadtzentrums" festgehalten: "Die ehemalige Bauakademie von Schinkel wird abgebrochen. Die wertvollen Teile sind zu bergen mit dem Ziel, das Gebäude zu einem späteren Zeitpunkt auf dem Gelände Französische Straße/Ecke Kurstraße wieder aufzubauen." Der Abbruch begann noch im selben Jahr.

Es fehlte keineswegs an vorangegangenen Protesten: aus West zum Beispiel von Ulrich Conrads in der Bauwelt vom 19. Februar 1960 und von Goerd Peschken mit seinem "Aufruf zur Rettung", aus Ost vor allem von Bruno Flierl in einem Gutachten des Instituts für Theorie und Geschichte vom 30. März 1960. Wie man weiß ohne Erfolg. 1962 waren die letzten Reste abgetragen. Eine Wiedererrichtung an anderer Stelle wurde damals ernstlich nie erwogen. Teile des Fassadenschmucks, wie die Terrakotten und die Eingangstüren, blieben erhalten. Die rechte Tür fand 1972 eine despektierliche Zweitverwertung als Zugang zur "Schinkelklause", einer DDR-Schöpfung mit Gaststätte an der Oberwallstraße.

1989 fiel die Mauer und mit ihr die DDR. Infolge allseitiger Umgestaltungen auf allen politischen, gesellschaftlichen wie städtebaulichen Feldern kam es auch im Umkreis der verschwundenen Bauakademie zu neuen Situationen. Das DDR-Außenministerium wurde 1995 abgerissen und damit das Grundstück der Bauakademie wieder frei. Der Palast der Republik, der ab 1976 die östliche Hälfte des ehemaligen Schlossareals besetzt hielt, ist inzwischen von Asbest gereinigt und harrt seinem Schicksal, dem Abbruch, entgegen, um einem "neuen" Schloss Platz zu machen. Die Friedrichswerdersche Kirche ist renoviert und beherbergt ein Schinkelmuseum. Auf der anderen Seite der Werderstraße, gegenüber des Kirchenportals, schließt der Neubauteil des Auswärtigen Amtes die Lücke zwischen der ehemaligen Reichsbank und der Werderstraße an der Schleusenbrücke. Und seit einem Jahr erhebt sich an alter Stelle eine naturgetreue, sorgfältig gemauerte Replik der nordöstlichen Ecke von Schinkels Bauakademie, 22 Meter hoch und eine Achse in jeder Richtung breit - auch als Aufforderung zum "Weiterbauen" des gesamten Gebäudes. Dann wäre der Verlust eines der Hauptwerke dieses gro-ßen Baumeisters - so gut es geht - behoben und ein wichtiger "Stein" seiner Kupfergrabenlandschaft zurückgegeben. Quellen: Jonas Geist: Karl Friedrich Schinkel. Die Bauakademie. Eine Vergegenwärtigung. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1993 Förderverein Bauakademie: Mythos Bauakademie, hrsg. von Frank Augustin. Verlag für Bauwesen, Berlin, 1997 Förderverein Bauakademie: Mythos Bauakademie, Ausstellungskatalog, hrsg. von Doris Fouquet-Plümacher. Verlag für Bauwesen, Berlin, 1998 Karl Friedrich Schinkels Berliner Bauakademie. Katalog zu einer Ausstellung der Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin -- Preußischer Kulturbesitz und der GrundkreditBank eG. Nicolaische Verlagsbuchhandlung Beuermann GmbH, Berlin, und Kunstbibliothek Staatliche Museen zu Berlin -- Preußischer Kulturbesitz, 1996 Karl Friedrich Schinkel. Architektur Malerei Kunstgewerbe. Katalog zu einer Ausstellung der Staatlichen Schlösser und Gärten und der Nationalgalerie Berlin in der Orangerie des Schlosses Charlottenburg, 1981 Karl Friedrich Schinkel. Eine Ausstellung aus der Deutschen Demokratischen Republik. Henschelverlag Berlin, 1982 Karl Friedrich Schinkel. Berlin. Bauten und Entwürfe. Rembrandt Verlag Berlin, 1973

© Peter Rumpf

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